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Toggenburger Tagblatt, 26. Februar 2013, 08:48 Uhr

PODIUM

Staat soll nicht den Medien helfen

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Christian P. Hoffmann, Assistenzprofessor für Kommunikationsmanagement Universität St.Gallen. (Bild: pd)


2012 war ein dunkles Jahr für die Printmedien. In Deutschland wurden mit der «Frankfurter Rundschau» und der «Financial Times Deutschland» gleich zwei etablierte Titel eingestellt. Aufgaben oder Fusionen von Regionalzeitungen sind mittlerweile – auch in der Schweiz – so alltäglich geworden, dass sie kaum noch eine grosse Beachtung finden.

Seit Jahrzehnten sinkt der Anteil der Zeitungsleser. Schon bald gehört nicht einmal mehr jeder zweite zu ihnen. Die täglich in die Zeitungslektüre investierte Zeit liegt noch bei 20 Minuten. Zeitungsredaktionen rentieren kaum noch – umso williger sind Verleger, ihre Betriebe zusammenzulegen. Die Konsequenz: gleichförmige Erzeugnisse, auch wenn sie unterschiedliche Namen tragen.

Eine Milliarde für Printmedien

Kein Wunder tobt in Politik und Praxis eine Debatte um Medien- und Meinungsvielfalt. Ist die Zeitung nicht ein Grundpfeiler der Demokratie? Steht sie nicht seit dem 19. Jahrhundert für eine informierte, aufgeklärte Öffentlichkeit? Reicht es aus, wenn nur noch ein paar wenige Verlagshäuser die Schweizer Bürger mit ihrer täglichen Dosis Druckerschwärze versorgen?

Jüngst forderten Soziologe Kurt Imhof und SP-Nationalrat Cédric Wermuth eine Milliarde Franken jährlicher Subvention, um das Überleben des Printjournalismus zu sichern. Ähnliche Überlegungen macht sich die EU: öffentliche Stipendien, Prämien und Preise sollen hier – so ein Expertenvorschlag – den Qualitätsjournalismus fördern. Ist aber staatliche Förderung und Trägerschaft die richtige Antwort auf das Zeitungssterben? Sicher, Medien durchleben derzeit – getrieben von der digitalen Revolution – einen dramatischen Strukturwandel. Jeden Tag entstehen neue Plattformen, die der Information, Unterhaltung und dem Austausch der Bürger dienen. Die Nutzer übernehmen eine aktive Rolle – sie beschreiben, fotografieren, filmen und beurteilen das Zeitgeschehen, setzen Themen, treiben die öffentliche Debatte. Grosse Verlage und Sendeanstalten bleiben aussen vor. Eine unangenehme, schmerzhafte Entwicklung für etablierte Medienhäuser.

Strukturerhaltung zu riesigen Kosten

Technologische Innovationen erzeugen Anpassungsdruck – in der Forschung spricht man von «disruptiver Innovation», wenn gewohnte Geschäftsmodelle in Frage gestellt werden. Der Ökonom Joseph Schumpeter nannte es «schöpferische Zerstörung». Eine kluge Bezeichnung, denn so schmerzhaft technologische Umwälzungen sein mögen – sie tragen einen schöpferischen Kern in sich.

Innovationen setzen sich durch, wenn sie den Kunden einen Mehrwert bieten. Mit der Innovation geht es ihnen besser als ohne. Und den Anbietern? Der Wettbewerb kennt keinen Bestandesschutz. Strukturerhaltende Subventionen können den technologischen Wandel nur verlangsamen, aber nicht aufhalten – und dies nur zu horrenden Kosten. Die Geschichte der deutschen Steinkohlesubventionen ist hier ein mahnendes Beispiel.

Die öffentliche Debatte um den Qualitätsjournalismus droht darum in eine bekannte Falle zu tappen: die Verwechslung von Form und Funktion. So ist die Energieerzeugung eine ungemein wichtige ökonomische Funktion – deutsche Steinkohle ist aber nicht ihre einzig brauchbare Form. Funktion und technologische Form lassen sich also trennen. Individuelle Mobilität wird heute nicht mehr durch Pferdekutschen erzeugt.

Was heisst dies nun für die Medien- und Meinungsvielfalt in Schweiz und EU? Ja, die Information, Unterhaltung und Aufklärung der Öffentlichkeit sind zentrale Funktionen einer demokratischen Gesellschaft. Sie müssen jedoch nicht notwendigerweise in Form gedruckter Tageszeitung und grosser Rundfunkstationen erfüllt werden.

Der Wandel als Chance

Weder Experten noch die Marktteilnehmer wissen, in welcher Form Nachrichten, Politik und Kultur in 20 Jahren vermittelt werden. Und ganz sicher weiss dies auch nicht die Verwaltung in Bern und Brüssel.

Die gute Nachricht: Für findige Unternehmer stellt dieser Wandel eine grosse Chance dar. Und: die Kunden – wir Bürger – werden in jedem Fall von erfolgreichen technologischen Innovationen profitieren.



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Leser-Kommentare:
1 Beitrag
mercator (26. Februar 2013, 09:28)
..umgekehrt wird auch ein Schuh....

Und so sehen denn die Zeitungen auch aus: Kritik für die Opposition - Applaus für das Partei- und Politestablishment. Seit Jahren schon !

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