Der Dickner Marcel Jung führt eine Auffangstation für Papageien

Wo bunten Vögeln geholfen wird

03. Januar 2005, 00:30
MICHAEL HUG

DICKEN/ST. PETERZELL Im Hönenschwiler Papageienhof «Zum goldenen Senn» verbringen Papageien ihren Lebensabend. Marcel Jung hat sich damit innert eines Jahres ein kleines Lebenswerk aufgebaut.

Das Schicksal vieler Hunde und Katzen kann auch einen Papagei ereilen: Dass die Halterfamilie seiner überdrüssig wird. Wohin also mit dem Vogel, wenn er in einer neuen Wohnung keinen Platz mehr hat, wenn sich seine Halter trennen oder wenn der einstmals zehnjährige Papageienfan nun sechzehn ist und sein Interesse anderen Zweibeinern gilt? Ein solcher Exot hat Glück, wenn ihn seine Halter an ein neues Plätzchen geben können oder, wenn niemand das Tier will, sie wenigstens die Adresse einer Auffangstation kennen. Eine solche Station ist der Papageienhof von Marcel Jung.

Pension für Exoten

Zuhinterst im Tälchen Hönenschwil bei Dicken - einer Exklave der Gemeinde St. Peterzell - hat ein Bauernhaus die wärmende Wintersonne vor sich, hinter sich nur noch die schützende Flanke der «Züblinsnase». Hier endet die Strasse und ein steiler Anstieg führt hinauf zum Restaurant Bergli, das, wie viele Sonntagsspaziergänger wissen, über eine zweite Route auch bequemer erreicht werden kann. Wo also die Strasse endet, steht das fast dreihundertjährige Haus von Marcel Jung. Hier hat der 40-Jährige eine Auffangstation für Exotenvögel aufgebaut. «Zum goldenen Senn» nennt er sein aussergewöhnliches Hospiz. In der Scheune des ehemaligen Bauernhauses und in Volieren darum herum hält er momentan 40 Papageien, Kakadus und Grosssittiche. «Alles Tiere», so Marcel Jung, «die von ihren Besitzern aus den verschiedensten Gründen ausquartiert wurden.»

Verhaltensgestört, ausquartiert

So zwei Aras, die in einem zu kleinen Käfig gehalten wurden. Sie entwickelten eine Verhaltensstörung und zupften sich fast alle Federn aus. Jung: «So hässlich wollte sie Besitzer dann nicht mehr.» Ähnlich erging es vielen von Jungs Schützlingen. Es kommt auch vor, dass Pflege und Zuwendung zu viel werden für die Halter oder dass die anfängliche Begeisterung für die Tiere abklingt. «Papageien sind anspruchsvolle Tiere», sagt Jung, «nicht umsonst braucht es für alle grösseren Arten wie Aras eine Haltebewilligung.» «Der goldene Senn» hat als einzige Auffangstation in der Schweiz eine kantonale Bewilligung. «Wir stehen unter der Kontrolle des Veterinäramtes des Kantons St. Gallen.» Damit betrat auch der Kanton Neuland: Es sei, gemäss Jung, die erste und bisher einzige ausgestellte Bewilligung für eine gewerbliche Auffangstation.

Drei Tiere pro Monat

Die Dickener Auffangstation ist erst ein Jahr alt. «Nach der Gründung sind innert weniger Monate 35 Vögel hierhergebracht worden», erzählt der Initiant. Jung hatte vorher als Hobby zwei Papageien besessen und war fasziniert von diesen Tieren. Der Plattenleger und Ofenbauer musste auf Geheiss seines Arztes seinen Beruf an den Nagel hängen. Mehr als ein Jahr schon dauern die Abklärungen, welche Art von Berufsausübung ihm möglich sein wird. Schnell stellte sich für ihn die Frage: «Was mache ich, um meine Zeit totzuschlagen?» Der Gedanke, etwas für heimatlose Papageien zu tun, wurde schnell konkret: «Ich habe vieles gesehen auf dem Gebiet der Papageienhaltung, da gab es auch einige bedenkliche Einrichtungen.» Ein Haus hatte Jung schon, es musste mit nur wenigen Investitionen eingerichtet werden.

Nicht kostendeckend

Heute hat Marcel Jung Platz für 40 Vögel: «Manche lassen sich aneinander gewöhnen, sodass sie sich den Käfig teilen können. Andere sind ausgesprochene Einzelgänger.» Die Vogelhäuser im Freien haben einen Aussenkäfig: «Die Kälte macht den Vögeln nichts. Aber übernachten wollen sie schon, wos temperiert ist», meint der «Papageienpapi». Die elektrische Energie zum Heizen kostet ihn 5000 Franken jährlich. «Der Betrieb deckt seine Kosten noch nicht. Ich bezahle noch einiges aus dem eigenen Sack.» Manche Leute, die einen Papagei bringen, übernehmen für ihn die Patenschaft. Aber auch Aussenstehende können für 150 Franken jährlich eine solche Patenschaft übernehmen. Sie decke zwar die Kosten der Haltung bei weitem nicht, meint Jung. Doch zusammen mit Spenden- und Sponsorengeldern reiche es immer wieder für Unterhaltsarbeiten und Investitionen.

Stubentauglich gemacht

«Die Vögel verspeisen fast fünf Kilo Früchte pro Tag», erklärt Jung. Diesen Teil der Nahrung erhält er kostenlos vom Lebensmittelladen aus St. Peterzell: Früchte, die für den Verkauf nicht mehr genügen. Wohlwollend hilft ihm auch sein pensionierter Schwager Robert Bösch. «Wir haben mehr als einen Vogel», meinen beide zweideutig. Ansonsten betreibt Jung den Papageienhof im Alleingang. Der Hof bietet auch Ferienplätze und Beratung in allen exotenrelevanten Fragen. «Die Vögel bleiben hier, bis sie sterben. Verkaufen oder vermitteln tue ich keine.» Viele, die sich einen Papagei wünschen, wissen nicht, welche besonderen Anforderungen ein solcher Vogel stellt. Manche machen sich ihr Tier auch stubentauglich. «Rambos» Besitzer zum Beispiel liess ihm - von einem Tierarzt - die Flügelsehnen durchtrennen, damit er nicht wegfliegen kann. Schliesslich musste er dann doch weg - er hat ein neues Zuhause gefunden, den «Goldenen Senn».

Miro machte Urlaub

Der feuerrote Ara «Miro» war mit seinem Partner «Sascha» auf Urlaub im Dickner Papageienhof. Doch schien es ihm im Toggenburg nicht zu gefallen. Eines Tages nutzte er eine Unaufmerksamkeit des «Papageienpapis» und rückte aus. «Miro» flog, neugierig geworden von der prächtigen Aussicht, ins Fürstenland. Tagelang blieb der Vogel verschollen, da meldete der «Blick»: Ein roter Ara sei in Niederbüren gesichtet worden. «Miro» tat sich am frischen Obst in den Bäumen gütlich und war partout nicht von diesen herunter zu locken. Tagelanges Zureden überzeugte ihn nicht, erst das papageiensprachliche Locken seines Freundes «Sascha», der mittlerweile hergebracht worden war, konnte ihn zum Herunterkommen bewegen. Für «Miro» hat sich für ein paar Tage wohl ein Traum erfüllt: frei sein wie ein Vogel. Für Marcel Jung und den Besitzer war es ein Albtraum. (mhu)


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