Tagblatt Online, 21. Oktober 2011 08:43:00
«Ich bin stolz, Bäuerin zu sein»
Susanne Rüegsegger, 42, Bäuerin. (Bild: Urs Baumann)
Eigentlich hätte Susanne Rüegsegger allen Grund zur Besorgnis. Zusammen mit ihrem Mann Hans Jörg Rüegsegger bewirtschaftet sie in Riggisberg einen Betrieb, zu dem 25 Milchkühe gehören. Für die Milch, die zu Emmentaler verarbeitet wird, gibt es immer weniger Geld. Ihr Mann ist Kassier der Käsereigenossenschaft. Das Thema «Milchpreis» sei deshalb allgegenwärtig, «und drückt auf die Stimmung», sagt sie. Trotzdem macht Susanne Rüegsegger nicht den Eindruck einer Bäuerin, die den Bettel am liebsten hinschmeissen würde, im Gegenteil: «Ich bin stolz, Bäuerin zu sein», sagt sie.
Im Emmental aufgewachsen
Aufgewachsen auf einem Bauernhof im Emmental musste sich die gelernte Papeteristin nicht lange überlegen, ob sie es wagen konnte, einen Bauern zu heiraten. Sie liess sich gar zur eidgenössisch-diplomierten Bäuerin ausbilden und amtet heute als Prüfungsleiterin. Im Betrieb ist Susanne Rüegsegger in erster Linie für den Haushalt zuständig. «Aber ich kann überall einspringen, wenn einer der Männer ausfällt», sagt sie. Wenn ihr Mann, der Lehrling oder der Schwiegervater nicht da sind, hilft die Bäuerin beim Melken, und auch den Traktor hat sie im Griff. Ihre fünf Kinder können – bis auf die Älteste – allesamt ebenfalls melken. «Wir sind ein richtiger Familienbetrieb», stellt die 42jährige Mutter stolz fest.
Die drei Töchter und zwei Söhne (heute zwischen 13 und 20 Jahre alt) hat sie früh zum Mitarbeiten angehalten. Auf ihre Hilfe greift Susanne Rüegsegger auch heute gerne zurück, wenn es mit ihrem «Spezialbetriebszweig» wieder einmal besonders gut läuft. Seit rund fünf Jahren bietet die Bäuerin zusammen mit einer Kollegin sogenannte «Gantrisch-Apéros» an. Bis zu 300 Gäste bewirten sie. Und das ist nicht einfach Frauensache, auch die Männer der beiden Bäuerinnen helfen bei grossen Anlässen mit.
Susanne Rüegsegger ist viel unterwegs. Zum Beispiel als Vorstandsmitglied des Fördervereins Gantrisch und des Verbands Bernischer Landfrauen. Und seit letztem Mittwoch ist sie an der Olma in St. Gallen. Sie leitet das Schaukochen der Berner Landfrauen in der Sonderschau des Kantons Bern. «So lange war ich noch gar nie weg», stellt sie fest.
Ferien sind wichtig
Das heisst nicht, dass sich die Familie keine Ferien gönnen würde. Susanne Rüegsegger weiss von Bauernfamilien, die meinen, sich das nicht leisten zu können. «Aber gerade wenn es nicht gut läuft, hat man die Ferien am nötigsten», ist sie überzeugt.
Übrigens: Die Tracht zog Susanne Rüegsegger an der Olma nur letzten Samstag am offiziellen Tag des Gastkantons Bern an. Sie will kein falsches Image vermitteln. Das Berufsfeld habe sich so stark verändert, dass viele Bäuerinnen heute mit Werten und Traditionen brechen müssten. «Und daraus entstehen dann nicht selten Generationenkonflikte», weiss sie von vielen Kolleginnen. Susanne Graf
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