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Tagblatt Online, 28. Mai 2010 01:02:43

«Namasté» auf dem Säntis

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Ein Südinder auf dem Säntis: An die Kälte hat sich Joseph John schnell gewöhnt. Seit sechs Jahren arbeitet er im Gipfelrestaurant. (Bild: Bild: Urs Bucher)

Indischen Touristen auf dem Säntis kann es passieren, dass sie in ihrer Muttersprache mit «Namasté» begrüsst werden. Joseph John aus Indien arbeitet im Gipfelrestaurant.

Katharina Rutz

Schwägalp. Schneeschleudern gehört auf dem Säntis auch im Frühsommer zum Alltag. Das steht im Pflichtenheft des schmalen Mannes mit den schwarzen Augen und dem dunkelhäutigen Gesicht. Joseph John sieht in der Skikleidung der Säntis Schwebebahn AG zwar von weitem aus wie jeder andere Mitarbeiter, doch er stammt ursprünglich aus Kerala in Südindien.

Der Mann für alle Fälle

Seit sechs Jahren arbeitet John im Säntis-Gipfelrestaurant – überall dort, wo Not am Mann ist. «Ich würde ihn nicht hergeben», sagt Philip Hermann, sein Vorgesetzter und Geschäftsführer des Gipfelrestaurants. Ein Allrounder mit ausgezeichneten Betriebskenntnissen sei er, der auch zwölfstündige Arbeitstage nicht scheue.

Abwaschen, Salate richten, Bühne aufbauen, Beamer einrichten, Reinigungsarbeiten, Service, Seminare vorbereiten und eben Schneeschaufeln – die Liste seiner Tätigkeiten ist lang.

Meistert minus 20 Grad

«Ich habe viel Freiraum bei meiner Arbeit. Mein Chef vertraut mir und lässt mich Aufgaben selbständig ausführen.» Joseph John gefällt die Arbeit auf dem Säntis im rund 35köpfigen Team. Auch die für den Inder ungewohnt eiskalten Temperaturen von minus 20 Grad stören ihn nicht.

«Bei diesem Wetter macht es mir nichts aus, auch längere Zeit draussen zu arbeiten. Wir haben warme Kleidung», sagt er, der stets lächelt, in gebrochenem Hochdeutsch.

Schnee hat er in der Schweiz zum erstenmal gesehen. Dennoch hat er das Schneeschleudern auf dem Säntis bereits nach dem ersten Versuch im Griff. Der Inder mag die Berge seiner neuen Wahlheimat besonders gern. 1997 zog Joseph John mit seiner Frau von Indien nach Wien. «Die deutsche Sprache zu lernen, bereitete mir Mühe», erinnert sich der 44-Jährige.

Seine ebenfalls aus Indien stammende Frau hatte bereits vor der Hochzeit in Österreich gearbeitet, und so kümmerte sich Joseph John die ersten drei Jahre um die beiden Töchter. Dann nahm der diplomierte Elektroniker eine Stelle in einem Fünfsternehotel an.

Indische Appenzeller

Als viele seiner Verwandten von Österreich in die Schweiz ziehen, folgt John mit seiner Familie 2002 nach.

In Appenzell Ausserrhoden angekommen, muss er gleich nochmals Deutsch lernen – Schweizerdeutsch. Heute sprechen seine beiden Töchter waschechten Appenzeller Dialekt und essen gerne Schweizer Gerichte. Doch die indische Kultur spielt nach wie vor eine grosse Rolle. «Wir kochen zu Hause indisch, sprechen mit den Mädchen unsere Muttersprache, und in ihrer Freizeit tanzen sie wie in den Bollywood-Filmen», sagt Joseph John.

Ab und zu vermisst er die Wärme seines Heimatlandes. Einmal im Jahr besucht er seine Verwandten in Indien. Hier in der Schweiz pflegt Joseph John regelmässig den Kontakt zu seinen Landsleuten, wo immer sie wohnen – zum Beispiel freitags im Badminton-Club in Zürich. Später, wenn die Kinder gross sind, will er vielleicht zurück nach Indien, «doch ganz sicher bin ich mir dessen noch nicht».





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