Tagblatt Online, 03. August 2010 17:43:39
Der gespenstische Alpstein
Mystisch, sagenumwoben: Fälensee und Fälenalp. (Bild: Bild: Hans Ulrich Gantenbein)
Um Säntis und Alpstein ranken sich Sagen. Die Geschichten erzählen vom Leben in den Bergen, von dessen kargen Seiten und den Sehnsüchten der Sennen. Allgegenwärtig sind die Chefs im Gebirge – die Berggeister.
markus wehrli
Der Bergsommer mit seinen freundlichen Seiten mag darüber hinwegtäuschen: Die längere Zeit im Jahr ist die Bergwelt unwirtlich. Das gilt auch für den Alpstein. Kein Wunder also, dass so manche Sage aus der Umgebung des Säntis das karge Leben der Sennen und Hirten widerspiegelt – mitsamt seinen unheimlichen Seiten. Die Täler und Alpen galten lange als das Gebiet der Berggeister: Wer hier oben arbeitete, der tat dies nur notgedrungen. «Hatten die Sennen ihre Alpen im Herbst verlassen, ging bis zum nächsten Jahr niemand mehr hin.
Die Alpen gehörten dann wieder den Geistern», sagt Roland Inauen, Kurator im Heimatmuseum Appenzell.
Das Bett des Riesen
Inauen ist ein Kenner der Sagenwelt rund um den Säntis. Die Sage vom Riesen Säntis, der hier gehaust hat, kennt jeder: Das Bett des Riesen war das Wissbachtal, das Kopfkissen die weichen Matten der Meglisalp, und dort schliesslich, wo der Riese seinen Ellbogen aufstützte, wenn er sich erhob, entstand der Seealpsee.
«Sagen wie diese sind romantisierend, haben oft einen <schulmeisterhaften> Hintergrund», sagt Inauen. «Weit aufschlussreicher sind dagegen diejenigen Geschichten, die sich die Leute erzählt haben.»
Und diese handeln von Wunderkräutern, von Zauberwäldern und Wetterlöchern. Oder aber von den drakonischen Strafen, mit denen die Berggeister Frevler zur Rechenschaft zogen. «Solche Sagen geben einen Einblick in das Leben früherer Zeiten», sagt Inauen.
Etwa dann, wenn in einer Sage von einer Wunderpflanze auf der Alp Mans die Rede ist, nach deren Einnahme Mensch und Tier nie mehr frieren mussten. In einer Geschichte wie dieser komme vor allem etwas zum Ausdruck, sagt Inauen: «Diese Menschen haben gefroren. Und sie wünschten sich, dass es anders wäre. Deshalb die wärmende Wunderpflanze.»
Vom Wasser, das nährt
Und diese Menschen haben Hunger gelitten, wie eine weitere Sage berichtet. Sie erzählt von einem Brunnen auf der Fälenalp, dessen Wasser nicht nur den Durst stillte, sondern gleich auch sättigte. Und zwar «ohnangesehen sie den ganzen Tag gejagt», wie es beim Kapuzinerpater Clemens Geiger (1668–1714) heisst: Das Wasser nahm den Hunger, auch wenn man den ganzen Tag auf den Beinen war. Diesem Kapuziner ist eine Vielzahl solcher Erzählungen und Hinweise zu verdanken.
Er hatte den Alpstein durchwandert und ihn nebst der geographischen Beschreibung auch nach Sagen und Erzählungen durchforscht.
Roland Inauen gibt viel auf solches Material. Das Gebiet rund um den Säntis gilt aber als eher arm an Sagen. «Ganz richtig ist das nicht», sagt Inauen. «Vielmehr wurden in anderen Teilen der Alpen die Sagen besser dokumentiert und konnten sich deshalb wohl auch besser halten.»
Sagen im Dienste der Moral
So sehr die Bergwelt in früheren Zeiten als lebensfeindliches und von Geistern beseeltes Gebiet gemieden wurde, so deutlich war der Umschwung ab dem 18. Jahrhundert: Die Berge gerieten nach und nach in den Bann des Tourismus. Gleichzeitig entwickelten sich ihre Sagen zum allgemeinen Kulturgut, identische Motive und Geschichten verbreiteten sich im ganzen Alpenraum und wurden den örtlichen Begebenheiten angepasst.
Ein typisches Beispiel dafür sei die Sage über die Entstehung des Blauen Schnees unterhalb des Säntis, sagt Inauen. Sie berichtet von einem Sennen, der es allzu toll mit seiner Geliebten treibt, der ihr einen Fussweg mit Käselaiben pflästert und der seiner Mutter, als sie zu Besuch auf die Alp kommt, Schweinefutter auftischt. Die Strafe für den Frevel lässt nicht auf sich warten.
Eine Schnee- und Eislawine fegt vom Säntis herab, begräbt die Alp unter sich und bleibt als der Blaue Schnee zurück. «In solchen Erzählungen haben sich überdeutlich Moral und Lehre der Kirche eingenistet. Die Sagen im gesamten Alpenraum bekamen so einen schulmeisterhaften Ton», sagt Inauen.
Geister mögen es martialisch
Doch auch die Geister der früheren Sagen hatten einen ausgesprochenen Gerechtigkeitssinn – etwa dann, wenn es um Kinder ging. Davon erzählt eine Sage von der Altenalp.
Nach der Alpabfahrt musste dort ein Handbub auf Geheiss des Sennen noch einige Tage auf der Alp ausharren – auf Geheiss desjenigen Sennen, der den Knaben einen Sommer lang auf alle erdenklichen Arten misshandelt hatte. Allein auf der Alp, bekommt der Bub Besuch von den Geistern, hat von diesen einen Wunsch frei und lernt auf eine Weise zu singen, wie man es bis anhin nicht gehört hatte.
Das wollte auch sein Meister können und stieg nochmals zur Altenalp auf. Zurückgekehrt ist er nicht mehr. Vielmehr hatten die Berggeister Rache an ihm genommen. Auf dem Hüttendach fanden die, die ihn suchten, seine Haut – zum Trocknen aufgespannt.
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