Tagblatt Online, 16. Juni 2010 01:01:23
Ein Job mit Aussicht
Gästebegleiterin Doris Ramsauer will den Touristen immer etwas Motivierendes mitgeben – vor allem bei schlechtem Wetter. (Bild: Bild: Michel Canonica)
Doris Ramsauer arbeitet seit bald zwei Jahren als Gästebegleiterin auf der Säntisbahn. Bis zu 40mal pro Tag fährt sie die Strecke Schwägalp–Säntis – und macht 40 000 Höhenmeter.
Yvonne Bugmann
Schwägalp. Langsam setzt sich die Säntisbahn in Bewegung. Zehn Minuten braucht sie für die gut 1000 Höhenmeter von der Schwägalp bis zum Gipfel. Bei schönem Wetter und guter Sicht sieht man von dort sechs Länder: Die Schweiz, Österreich, Deutschland, Italien, Frankreich und das Fürstentum Lichtenstein.
Doch an diesem Tag regnet es, und die Kabine ist schon bald von Nebel umhüllt. Nur wenige Gäste fahren mit. Von schlechter Stimmung aber keine Spur – im Gegenteil.
Die Touristen plaudern angeregt und posieren für Fotos, und auch Doris Ramsauer ist die Fröhlichkeit in Person. «Ich versuche den Gästen immer etwas Motivierendes mitzugeben, vor allem bei schlechtem Wetter», sagt sie und strahlt.
Erste Frau bei Säntisbahn
Die 36-Jährige ist seit bald zwei Jahren Gästebegleiterin bei der Säntisbahn, sie fährt die Kabinen den Berg hoch und wieder runter – an Spitzentagen bis zu 40mal.
Als sie und ihre Kollegin im Oktober 2008 ihre Stelle antraten, waren sie die ersten Frauen in der 75jährigen Geschichte der Säntisbahn, die diesen Job ausführen.
Doris Ramsauer unterhält sich gerne mit den Fahrgästen. Einige kommen von selbst auf sie zu, stellen Fragen, reden über das Wetter. Manchmal spricht auch sie die Touristen an. «Man weiss nie, wer kommt, das ist spannend.
» Vergangenen Sommer etwa transportierte sie ihren Seklehrer, den sie seit Jahren nicht mehr gesehen hatte.
Ein Erlebnis der ausgefallenen Art hatte sie am Pfingstmontag: «An der Stütze zwei sind Gäste eingestiegen, die barfuss unterwegs waren.» Die Wanderwege waren noch schneebedeckt, die Alpinisten jedoch nur mit Turnschuhen ausgerüstet. Diese waren so durchnässt, dass die Wanderer sie kurzerhand auszogen.
Die Bahn kommt auf dem Gipfel an, man sieht – nichts. Die Fenster der Panoramahalle sind schneebedeckt und verhindern jegliche Aussicht. Draussen ist es nicht viel besser: Der Nebel ist so dicht, dass man nur wenige Meter weit sieht.
Jobwechsel gewagt
«Man muss Schnee mögen und wetterfest sein», beschreibt Doris Ramsauer lachend die Voraussetzungen für ihren Job. «Wir leben mit dem Wetter.
» Sie liebt die Natur, die Berge – in ihrer Freizeit geht sie oft im Alpstein wandern– , das sei der Hauptgrund gewesen für ihre Bewerbung auf die Stelle als Gästebegleiterin. Vorher arbeitete sie jahrelang im Verkauf, sah dann das Inserat in der Zeitung. Es kostete die Herisauerin viel Mut, sich für die Stelle zu bewerben – bereut hat sie es nie. «Der Job gefällt mir sehr gut, es war eine ganz gute Entscheidung.»
Zu ihren Aufgaben gehört nicht nur die Bedienung der Säntisbahn. Die erste Dienstfahrt am Morgen findet ohne Gäste statt. Dann werden Waren, Abfall, und – wenn nötig – Wasser transportiert. Oben auf dem Gipfel müssen Heizung, Wasseraufbereitung und Kläranlage kontrolliert werden.
In der Zeit zwischen den Fahrten gehen die Gästebegleiter anderen Arbeiten nach. Doris Ramsauer etwa schaufelt Schnee, wischt, leert Kübel und hilft den Touristen.
«Es ist toll, an einem schönen Ort zu arbeiten, wo andere ihre Ferien oder freien Tage verbringen», schwärmt sie. Die Arbeit verleidet der Herisauerin nicht. Was vielleicht auch damit zu tun haben könnte, dass sie nur 60 Prozent arbeitet. «Ich muss nicht arbeiten, sondern ich darf.»
Was sie hingegen weniger mag, sind Sturmböen. Wird die Kabine etwa bei einer Stütze von einer Sturmböe erfasst, kann es die Kabine gegen die Stütze schleudern. «Das ist ungefährlich, aber unangenehm.»
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