Nicolas Sarkozy, président de la République française, steht nach Skandalmeldungen mit dem Rücken zur Wand. – Was tun? Angriff ist die beste Verteidigung, denkt er sich. Gedacht, getan: Er reserviert im staatlichen Fernsehen flugs einen Sendeplatz und bekommt einen staatstreuen Journalisten als Beigabe dazu. Dem Staatspräsidenten ist nur der beste Platz gut genug: die Prime Time.
Wo normalerweise für gutes Geld eingekaufte Serien und Filme oder aufwendig produzierte Reportagen gezeigt werden, wird sich der Präsident den Fragen des Journalisten stellen, der in diesem Moment nicht nur seinen Sender, sondern inoffiziell auch das Volk vertreten soll.
In der Schweiz wäre Ähnliches undenkbar. Und sollten sich Bundesräte tatsächlich ein Sendeplätzchen reservieren können, wäre das Staatsfernsehen zurzeit wohl dauerbelegt.
Die Sprecherin hat die Nachrichten eben zu Ende gelesen, schon kündigt sie die Schaltung ins Elysée an. Einen ordentlichen Abspann wird es nicht geben. Das einstündige Interview ist Teil der Nachrichtensendung, Ausschnitte werden später auch auf anderen Kanälen ausgestrahlt. Einen Sekundenbruchteil später ist das Fernsehpublikum beim Präsidenten und dem Journalisten im Garten des Elysée.
Sie sitzen sich an einem Tisch gegenüber, nicht auf neutralem Territorium also, sondern auf der Gartenterrasse des Präsidenten sozusagen. Immerhin sitzt der Journalist mit dem Rücken zum Präsidentenpalast, markiert also den Gastgeber. Auch in Paris müsste die Sonne längst tief stehen, doch das Licht ist unentwegt kräftig, also muss das Interview am Morgen oder Nachmittag aufgezeichnet worden sein.
Monsieur le président stürzt sich mit Verve ins Gespräch. Erstes Thema ist das Verhalten seines Arbeitsministers Eric Woerth. «Monsieur Woerth ist ein aufrichtiger Mann», stellt Sarkozy gleich zu Beginn fest, – «honnête et sérieux». Den Satz hat er vorbereitet. Er sagt ihn mit halblauter Stimme und schaut dem Journalisten bedeutungsvoll und ausdrucksstark in die Augen. Er droht subtil, damit seine Gesten als Drohgebärden interpretiert werden können.
Sarkozy kennt die Fragen, die ihm gestellt werden, das wird rasch klar. In den umstrittenen Themen redet der Präsident bewusst über andere. Wusste er etwas von Geldübergaben für seinen Wahlkampf? Die Frage wird ihm gar nicht erst gestellt. Stattdessen erwähnt Sarkozy, dass er zwei, vielleicht dreimal im Haus von L'Oréal-Erbin und Milliardärin Liliane Bettencourt zum Essen eingeladen war.
Und die Verschleuderung von Steuergeldern habe er aufgedeckt, weil das kein Staatspräsident vor ihm kontrolliert habe. C'est tout.
Das Interview verkommt zu einer höchst mittelmässigen Schauspieleinlage des Präsidenten. Seine Auftritte sind stets bestens orchestriert – mit unterschiedlichem Aufwand.
Die Farbe der Krawatte zu bestimmen, ist einfacher, als bei einem Firmenbesuch jene Arbeiter auszuwählen, die den eher kleingewachsenen Sarkozy nicht überragen und ihn im preussischen Gardemass erscheinen lassen. Alles kann aber auch die PR-Maschinerie um Sarkozy nicht kontrollieren. Die Kameraeinstellungen zeigen den französischen Präsidenten, wie er am Tisch sitzt: mit verschränkten Beinen.
Sie sind so lange verschränkt, wie das Interview dauert; gelassen wirkt Sarkozy nie, obwohl er sich sichtlich bemüht: Da kann er mit seinen Armen noch so rudern und dem Zeigefinger noch so mahnen.
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