«Veronika, der Lenz ist da»

NEUBEGINN ⋅ Keine Jahreszeit wird so sehnlich erwartet wie der Frühling. Seit jeher inspiriert er Literaten und Dichter zu Höhenflügen. Er ist die Jahreszeit der Auferstehung, der Leichtigkeit und der Liebe.
17. April 2018, 07:07
Urs Bader

Urs Bader

Ach, der Frühling. Nun ist er da, definitiv. Endlich! «Frühling, ja du bist’s!/Dich hab ich vernommen», hat der Dichter Eduard Mörike begeistert ausgerufen, als er «süsse, wohlbekannte Düfte» in den Lüften wahrgenommen hat: «Er ist’s» heisst das Gedicht.

Der Frühling ist die Jahreszeit, die am sehnlichsten erwartet und um die am meisten Aufhebens gemacht wird – seit Menschengedenken. Das hängt wohl vor allem damit zusammen, dass es die Jahreszeit des Wiedererwachens und des Neuanfangs ist – und damit der Hoffnung und vielleicht auch der Zuversicht.

Symbol des Sieges über den Tod und der Auferstehung

Der Frühling, der Sieg über den Winter, wird in der christlichen Kultur zum Symbol der Auferstehung und des Sieges über den Tod. Damit wird ein kosmischer Zusammenhang zwischen Schöpfung und Erlösung hergestellt. Goethe hat das österliche Geschehen und den Frühlingsbeginn in einem Monolog von Faust im gleichnamigen Drama zusammengeführt, im «Osterspaziergang»: «Vom Eise befreit sind Strom und Bäche/Durch des Frühlings holden, belebenden Blick», heisst es zuerst, und dann, ein paar Verse weiter: «Jeder sonnt sich heute so gern./Sie feiern die Auferstehung des Herrn,/Denn sie sind selber auferstanden.» Der Einzelne wird eins mit dem göttlichen Geschehen, feiert aber auch – selber wieder «belebt» – das Hier und Jetzt der Gemeinschaft und das Diesseits als Paradies, für das der Frühling in der literarischen Tradition auch steht. Denn «des Dorfs Getümmel», heisst es schliesslich im Monolog, sei «des Volkes wahrer Himmel».

Wird der Frühling in diesen Kontext gestellt, zeigt sich eine existenzielle, eher schwere Seite dieser Jahreszeit, die aber doch gerade das Schwere, Dunkle, Kalte, Tote überwindet. Um Platz zu machen für das Leichte, das Licht, die Wärme, die Liebe.

Dichter helfen uns auf die Sprünge

Vor allem diese Seite des Frühlings haben Dichter und Schriftsteller aller Zeiten besungen – und uns weniger schönen Seelen vielleicht auch zu Sprache verholfen: mal heiter und mal verzweifelt, mal lakonisch und mal wortreich, mal ironisch und mal todernst, mal frivol und mal betulich. Texte über den Frühling füllen ganze Anthologien.

Erich Kästner – eher einer, der alles etwas distanziert betrachtete – weiss in seinem Gedicht «Besagter Lenz ist da», weshalb uns der Frühling immer wieder aufs Neue in den Bann zieht: «Die Gärten sind nur noch zum Scheine kahl./Die Sonne heizt und nimmt am Winter Rache./Es ist zwar jedes Jahr dieselbe Sache/doch es ist immer wie zum ersten Mal.» Das ist es: An einem kalt-nebligen Herbst- oder Wintertag, an dem es gar nie richtig Tag werden will, kann man sich so einen strahlenden Frühlingstag gar nicht vorstellen. Man wähnt sich in ewiger Dunkelheit, in ewiger Kälte – und plötzlich erwacht die Natur, und plötzlich ist dann eben der Frühling da.

Und es erwacht auch die Liebe – und belebt die Menschen. Kurt Tucholsky hatte in «Sehnsucht nach der Sehnsucht» recht konkrete Vorstellungen von dem, was ihn beleben würde: «Es geht nicht, wenn die linde Luft weht und/die Amsel singt –/wir brauchen alle einen roten Mund,/der uns beschwingt./Wir brauchen alle etwas, das das Blut/rasch vorwärtstreibt –/es dichtet sich doch noch einmal so gut,/wenn man beweibt.» Und auch ganz unzweideutig erotisch aufgeladen ist der in den 1920er-Jahren geschriebene Gassenhauer, der eine gewisse Veronika anspricht: «Veronika, der Lenz ist da/Die Mädchen singen tralala/Die ganze Welt ist wie verhext/Veronika, der Spargel wächst!»

Ja, die Liebesleichtigkeit verdreht oft auch der Sprache den Kopf, so auch bei Else Lasker-Schüler. «Unter süssem Veilchenhimmel» hat sie ihren Liebsten gefunden und sucht nun «allerwegen» nach ihm und seinen «Morgenwangen» – «Und den Ringelrangelhaaren/Rötlichblonden Rosenlocken,/und den frühlingshellen Augen/Die so frischfreifrohfrohlocken.» Diese Liebe scheiterte am Ende banal an äusseren Umständen.

Die Ahnung, dass die Leichtigkeit fragil ist

Doch ab und zu schwingt in Frühlingsgedichten die Ahnung, das Wissen mit, dass die Leichtigkeit fragil ist. Und dass auch die ­Natur als das «grosse Mittel der Beschwichtigung für die moderne Seele», wie Nietzsche schrieb, ihren Dienst gelegentlich versagen, ihren Tribut fordern wird. Mascha Kalékos«Sonett in Dur» beschreibt, was war, ehe der Frühling und ihr Liebster in ihr Leben traten – und was droht: «Vergass ich doch, wie süss die Vögel sangen,/Noch eh du warst, der Jahre buntes Kleid./Mir blieb nur dies von Zeiten, die vergangen:/Die weissen Winter und die Einsamkeit./Sie warten meiner, lässt du mich allein./Und niemals wieder wird es Frühling sein.» Oder ganz und gar nüchtern: Der nächste Herbst kommt bestimmt.

Hinweis

«Frühlingsgefühle. Die schönsten Geschichten und Gedichte», herausgegeben von Clara Paul, Insel Verlag, 2018, 167 S., Fr. 16.–


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