Das Handicap der Isabelle Moret

BUNDESRATSWAHL ⋅ Die Waadtländer FDP-Nationalrätin Isabelle Moret will in den Bundesrat. Sie könnte dem Tessiner Kandidaten Ignazio Cassis am ehesten gefährlich werden. Doch auf Moret warten einige Stolpersteine.
13. August 2017, 05:17
Fabian Fellmann

Fabian Fellmann

Ja, sie will: Die Waadtländer Nationalrätin Isabelle Moret kandidiert für die Nachfolge von Bundesrat Didier Burkhalter. In Bern wird zwar der Tessiner Ignazio Cassis als klarer Favorit gehandelt. Als Aussenseiter gilt der Genfer Staatsrat Pierre Maudet, der ebenfalls ins Rennen gestiegen ist.

Die Familienpolitikerin Moret bietet sich als Alternative für jene an, welche gerne eine dritte Frau im Bundesrat sehen möchten. Dagegen wehrt sich die 46-jährige Anwältin zwar ein bisschen: «Frau zu sein ist kein politisches Argument», sagte sie, noch bevor sie ihre Kandidatur bekanntgab. Und bei der Pressekonferenz führte die Waadtländerin ihr Geschlecht kein einziges Mal ins Feld.

Die einzige Mutter im Bundesrat?

Das machen jedoch andere für sie. «Die FDP-Frauen werden sich geschlossen hinter eine Frau stellen», sagte Nationalrätin Doris Fiala, Präsidentin der FDP-Frauen. Auch der Luzerner SVP-Nationalrat Felix Müri ist überzeugt, dass die Frauenfrage Moret einige Stimmen einbringen werde. Er selbst wird ihr jedoch keine Unterstützung geben: «Ich werde Ignazio Cassis wählen», sagt Müri. Den Tessiner kenne er bestens – Moret hingegen sei ihm bisher im Parlament kaum aufgefallen. Das ist ein Handicap für Moret, die gegen den weitherum bekannten und gut vernetzten Cassis auf jede Stimme angewiesen sein wird.

Und während sie als Frau einen Bonus geniesst, steht sie mit ihrer besonderen Rolle auch im Rampenlicht: Mit der Art und Weise, wie die einzige Mutter in der Landesregierung etwa die Betreuung ihrer 6 und 11 Jahre alten Kinder organisieren wird, dürfte sie als Vorzeigefrau für die Vereinbarkeit von Familie und Beruf beobachtet werden. Wie Moret dies handhaben wolle, werde bei den Hearings vor den Fraktionen sicher zum Thema, sagt eine Parlamentarierin.

Moret, die getrennt von ihrem Mann lebt, hält ihr Privatleben indes strikt aus der Öffentlichkeit fern. Diese Woche etwa war sie nicht erreichbar; sie habe sehr viele Anfragen, sagte sie. Den «Tages-Anzeiger» indes liess sie in einem am Samstag publizierten Interview wissen: «Der Papa kümmert sich immer noch um seine Kinder.» Würde sie gewählt, werde ihr Familienleben organisiert sein.

Westschweizer Stimme der Freisinnigen

Während Moret bei Deutschschweizer Parlamentariern wenig Widerhall gefunden zu haben scheint, obwohl sie perfekt Schweizerdeutsch spricht, ist sie in der Westschweiz bestens bekannt: Von 1999 bis 2006 war sie Waadtländer Kantonsparlamentarierin, seit 2006 ist sie Nationalrätin. «Sie hat im Parlament viel Substanz gewonnen», lobt der Genfer Rats- und Parteikollege Christian Lüscher, der vor wenigen Wochen selbst mit einer Kandidatur für den Bundesrat liebäugelte. «Als Vizepräsidentin der FDP Schweiz und Zuständige für die Westschweiz war sie absolut exzellent», sagt Lüscher. Es sei unter anderem ihr Verdienst, dass die FDP in der Westschweiz über 20 Prozent Wähleranteil habe. In der Partei habe Moret die Positionen der Romands geschickt eingebracht. Der frühere Präsident, der Aargauer Philipp Müller, sei immer wieder mit sehr fixen Ideen aufgekreuzt. «Dann hat er mit Isabelle Moret geredet, und sie machte ihn weicher», erinnert sich Lüscher. Sie sei nicht umsonst die Westschweizer FDP-Parlamentarierin mit dem besten Wahlresultat.

Parlamentskollegen aus Morets Kommissionen, der staatspolitischen und der Gesundheitskommission, beschreiben die Waadtländerin als seriöse Schafferin. Sie selbst nimmt für sich in Anspruch, bei der Umsetzung der Masseneinwanderungs-Initiative massgeblich daran beteiligt gewesen zu sein, einem weichen Inländervorrang zum Durchbruch verholfen zu haben. Im Umgang sei Moret sehr offen und immer guter Laune, sagen ihre Kollegen. «Sie hört anderen immer zu», bemerkt etwa Lüscher. Der Genfer FDP-Nationalrat, ebenfalls Vizepräsident der Partei, will sich indes noch nicht festlegen, wen er wählen wird: Die FDP entscheidet über ihre Vorschläge an die Bundesversammlung erst vor der Herbstsession, am 1. September.

Offen ist vorerst, wie viele Kandidaten die FDP in die Wahl in der Bundesversammlung vom 20. September schicken wird. Parteipräsidentin Petra Gössi sagte am Samstag zu SRF: «Ich gehe davon aus, dass es ein Zweierticket gibt. Aber diese Diskussionen werden wir in der Fraktion erst noch führen.»

Die Herkunft als Nachteil für Moret

Der Druck ist hoch, dass die FDP neben einem Tessiner auch eine Frau ins Rennen schickt. Parteipräsidentin Gössi pocht indes darauf, dass in erster Linie die Fähigkeit den Ausschlag geben solle: «Es geht nicht um ein einzelnes Argument, ob die regionale Vertretung das Wichtigste ist oder die Frauenvertretung. Es geht um die Kompetenzen der Kandidaten.» Hierbei hat Cassis in der Beurteilung vieler Parlamentarier die besten Karten. Als Fraktionspräsident der FDP hat er sich Führungserfahrung angeeignet, ebenso als Tessiner Kantonsarzt. Moret hat vor allem Verwaltungsratsämter vorzuweisen, etwa bei der Netzgesellschaft Swissgrid, und ist Präsidentin des Spitalverbandes H+. Der Genfer Sicherheitsdirektor Pierre Maudet schliesslich hat trotz seiner erst 38 Altersjahre ebenfalls bereits einen beachtlichen Rucksack an politischer Erfahrung erworben.

Zum Nachteil könnte Isa­belle Moret gereichen, dass sie aus dem Kanton Waadt stammt, der mit SVP-Bundesrat Guy Parmelin bereits einen Vertreter stellt, gleich wie Bern. Gössi sagte dazu: «Das ist so, dann hätten wir zwei Bundesräte aus dem Kanton Waadt. Ich glaube, dass wäre eher ein Erschwernis auch für Kandidatin Isabelle Moret.» Moret konterte, indem sie auf ihre Wurzeln in der ganzen Schweiz verwies: Ihre Mutter stammt aus dem Jura und wuchs in Davos auf. Ihr Vater, ein Basler, habe im Oberwallis und in Lausanne gelebt.


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