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Tagblatt Online, 04. Februar 2012 11:20:00

«Eine der saubersten Banken»

St. Gallen - Raiffeisen CEO Pierin Vincenz Raiffeisenbank übernimmt Bank Wegelin und gründet neu Bank Notenstein Zoom

«Ein Plan B ist nicht notwendig»: Raiffeisen-Chef Vincenz nach dem Kauf der Notenstein Privatbank. (Bild: Ralph Ribi)

Während die Bank Wegelin in den USA angeklagt wird, fühlt sich Raiffeisen-Chef Pierin Vincenz mit der Übernahme des Nicht-US-Geschäfts von Wegelin auf der sicheren Seite. Kundenbeziehungen mit ausländischen Steuerflüchtigen würden konsequent gekappt.

Herr Vincenz, die US-Justiz klagt die Bank Wegelin wegen Verschwörung an. Fühlen Sie sich mit der Übernahme der Notenstein Privatbank, also des Nicht-US-Geschäfts von Wegelin, nach wie vor wohl?

Pierin Vincenz: Ja, das tue ich. Die Anklage betrifft die Bank Wegelin und nicht uns. Sie war zu erwarten und auch der Grund für die Ausgliederung des Nicht-US-Geschäfts in Notenstein und deren Transaktion an Raiffeisen.

Welche Reaktionen haben Sie von Kunden und von Mitarbeitenden auf den Erwerb der Notenstein?

Vincenz: Grundsätzlich meist positive. Die Menschen sehen, dass es notwendig ist zu helfen, 700 Arbeitsplätze in eine sichere Zukunft zu führen und Verantwortung zu tragen für den Finanzplatz Schweiz. Das sind gewichtige Argumente. Zudem ist es eine Ostschweizer Lösung. Auch das zählt viel in unserer Region.

Genossenschafter haben gegenüber ihrer Raiffeisenbank eine Nachschusspflicht von maximal 8000 Franken. Manch einer äussert Besorgnis über eine allfällige Haftung seinerseits. Was antworten Sie?

Vincenz: Die Genossenschafter können unbesorgt sein. Notenstein ist eine Aktiengesellschaft, die zu 100 Prozent Raiffeisen Schweiz gehört. Das ist wie bei unseren anderen Beteiligungen. Mit den Genossenschaftern und auch den Genossenschaften, also den 328 selbständigen Raiffeisenbanken, hat das nichts zu tun.

Einzelne Genossenschaften äussern Kritik, dass die Notenstein ohne vorherige Debatte erworben wurde.

Vincenz: Diskussionen und Kritik üben ist eine Stärke von Raiffeisen. In diesem Fall aber musste die Transaktion schnell umgesetzt werden, und die Gespräche erforderten ein hohes Mass an Vertraulichkeit und Diskretion. Wir werden uns nun aber der Diskussion stellen und aktiv kommunizieren. Im übrigen passt der Erwerb der Notenstein in unsere bekannte Strategie, Raiffeisens Ertragsquellen zu diversifizieren und neue Kompetenzen aufzubauen.

Was lässt sich über den Kaufpreis sagen?

Vincenz: Wir haben einen Marktpreis bezahlt. Punkt.

Mit Adrian Künzi leitet ein früherer unbeschränkt haftender Wegelin-Teilhaber die Notenstein. Experten wie der Berner Wirtschaftsprofessor Peter V. Kunz halten das für ein Risiko, weil es einen Angriffspunkt für die US-Justiz bieten könnte.

Vincenz: Wir haben das genau analysiert. Adrian Künzi war ins US-Geschäft von Wegelin in keiner Weise involviert. Er ist von der Steueraffäre nicht betroffen. Mit Künzi erhalten wir Know-how und stellen sicher, dass die Unternehmenskultur bestehen bleibt.

Aber Künzi muss vom heiklen US-Geschäft gewusst haben. Das macht ihn zum Mitwisser.

Vincenz: Wenn man jeden, der von einem Geschäft etwas weiss, für dessen Folgen verantwortlich machen will, könnten Sie gar keine Geschäfte mehr machen.

Wie können Sie sicher sein, dass Notenstein und Raiffeisen nicht doch noch ins Visier der US-Justiz geraten könnten?

Vincenz: Auch das haben wir genau analysiert, mit Schweizer und mit US-Anwälten. Das war auch eine Auflage der Finanzmarktaufsicht Finma, die gesagt hat: Der Erwerb der Notenstein darf weder für Raiffeisen noch für den Finanzplatz Schweiz mit zusätzlichen Risiken behaftet sein.

Wer garantiert, dass Notenstein total frei ist von US-Geschäft?

Vincenz: Eine 100-Prozent-Garantie gibt es nicht. Sollte Notenstein tatsächlich noch Kunden mit US-Bezug zutage fördern, werden diese umgehend zur Bank Wegelin transferiert. Das ist vertraglich so festgeschrieben.

Für den Fall der Fälle – Angriff der US-Justiz: Hat Raiffeisen einen Plan B in der Hinterhand?

Vincenz: Obwohl im Geschäftsleben immer ein Restrisiko bleibt: In diesem Fall ist ein Plan B nicht notwendig. Die Notenstein Privatbank startet als eine der saubersten Banken in der Schweiz.

Mit 30 Prozent Kunden aus dem europäischen Ausland. Da könnten mutmasslich auch einige Steuerflüchtige darunter sein.

Vincenz: Wir gehen nicht davon aus, dass das im grossen Stil so ist. Wir werden aber alle Kundenbeziehungen durchleuchten. Von jenen, die dem schweizerischen oder ausländischem Recht widersprechen, werden wir uns trennen.

Sie fahren eine kompromisslose Weissgeldstrategie?

Vincenz: Auf internationaler Ebene lautet unsere Strategie ganz klar, nur mit versteuertem Geld zu arbeiten. Das ist generell ein Thema für den Finanzplatz Schweiz, wie die Bemühungen um eine Abgeltungssteuer etwa mit Deutschland zeigen. Ich glaube aber, die schrittweise Politik mit einzelnen Ländern geht nicht auf. Das Pendel schlägt in Richtung automatischer Informationsaustausch.

Und wie halten Sie es mit dem inländischen Geschäft?

Vincenz: Bei Kunden mit Domizil Schweiz ist die Frage, inwieweit wir das Bankkundengeheimnis aufrechterhalten wollen. Ich finde, wir sollten restriktiv sein und die Privatsphäre so gut wie möglich schützen. Wobei: Schwerwiegende Steuerhinterziehung dürfte wohl in Zukunft ebenso strafrechtlich geahndet werden wie heute schon Steuerbetrug.

Notenstein preist sich als «die neue Privatbank der Schweiz» an. Tönt vollmundig für alten Wein in neuen Schläuchen.

Vincenz: Das sehe ich anders. Notenstein operiert unter einem neuen Eigentümer, es herrscht Aufbruchstimmung in der Bank. Das Geschäftsmodell gerade in der Schweiz, woher 70 Prozent der Kunden der Privatbank stammen, wird weiterentwickelt.

Notenstein-Kunden könnten abspringen, weil Raiffeisen der Glanz einer Bank Wegelin fehlt.

Vincenz: Gewisse Kundenverluste erleiden Sie bei jeder Handänderung. Ich habe aber bereits mit Kunden in St. Gallen, Zürich und Genf gesprochen. Die überwiegende Mehrheit erachtet die Transaktion als eine absolut gute Lösung. Raiffeisen steht für Stabilität, wir sind ein Schweizer Partner, und wir wollen das Geschäft weiterentwickeln. Für den Kunden heisst das mehr Sicherheit.

Mehr Sicherheit? Bei Wegelin hafteten über das Gesellschaftsvermögen hinaus die Teilhaber mit ihrem Privatvermögen.

Vincenz: Das stimmt. Aber die Substanz steckte vor allem im Unternehmen. Mit dem Privatvermögen als zusätzlichem Haftungssubstrat kommen Sie nicht weit.

Inwieweit passen die betuchten Kunden von Notenstein zu den Sparern, Hypothekarschuldnern und Gewerblern von Raiffeisen?

Vincenz: Erstens führen wir Notenstein als selbständige Bank. Zweitens ist das Bild von den Kunden nicht ganz korrekt: Auch Raiffeisen betreut vermehrt vermögende Kunden und solche, die im Laufe der Zeit zu Geld kommen. Umgekehrt betreut Notenstein keine Superreichen, sondern vorab mittelständische Anleger. Sie haben mit den neuen Strukturen wieder eine Perspektive.

Haben eine solche auch die Notenstein-Mitarbeitenden? Man hört von aggressiven Abwerbeversuchen etwa von Zürcher Privatbanken.

Vincenz: Das Werben um Mitarbeitende ist eine selbstverständliche, normale Reaktion. Wir tun alles, um die Angestellten zu halten. Wir kommunizieren und zeigen ihnen eine langfristig gute Zukunft auf.

Gehören auch geldwerte Anreize dazu?

Vincenz: Wir schauen uns auch das Vergütungsmodell an.

Wo sehen Sie Synergien zwischen Raiffeisen und Notenstein?

Vincenz: Mit Notenstein mindern wir unsere Abhängigkeit vom traditionellen Zinsgeschäft. Es ist denkbar, dass Raiffeisen-Kunden dereinst auch Dienstleistungen von Notenstein beanspruchen. Bei volatilen Börsen und mit zunehmendem Alter tendieren Anleger zudem dazu, mehr Cash zu halten. Solche Mittel von Notenstein-Kunden können künftig bei Raiffeisen beispielsweise zur Refinanzierung von Hypotheken verwendet werden.

Dieses Jahr diskutiert Raiffeisen Schweiz zusammen mit den einzelnen Banken die Strategie. Wo kommt es zu Anpassungen?

Vincenz: Punkto Befriedigung der Kundenbedürfnisse steht die persönliche Beratung im Vordergrund. Da gibt es keine fundamentalen Veränderungen. Aber: Wie gehen wir in der Organisation miteinander um? Wie wollen wir die Genossenschaft entwickeln? Wie gross soll eine Raiffeisenbank sein oder werden? Und was heisst Kundennähe in der Zukunft? Solche Fragen müssen wir diskutieren und beantworten.

Wie ist das Geschäftsjahr 2011 verlaufen?

Vincenz: Wir sind zufrieden.

Heisst das, die selbst gesteckten Ziele wie ein Wachstum der Kundenausleihungen um 3 Prozent oder die Neubildung von Wertberichtigungen im Umfang von weniger als 0,2 Prozent der Ausleihungen wurden erreicht?

Vincenz: Sie können davon ausgehen, dass wir die Ziele grossmehrheitlich erreicht haben.

Interview: Thomas Griesser Kym





Leser-Kommentare:
1 Beitrag

Kommentar lesen

CASSIO (04. Februar 2012, 17:48)
Saubersten?

Womit Herr Vincenz impliziert, dass die Notenstein Bank noch immer nicht sauber ist. Wie intelligent war denn diese Aussage? Zugleich unterstellt er andern Banken, dass fast allen andern Banken, dass sie nicht so sauber sind!?! Und dies alles zum Wohle der Raiffeisenbank und zum Schaden der restlichen Schweizer Banken. Mein Primarlehrer pflegte stets zu sagen: Zerscht denke, dänn rede.

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