«Kleinod der Küche»

Vor 100 Jahren war der Selbstkocher das wohl angesagteste Küchengerät. Im Toggenburger Museum Lichtensteig ist die Erfindung der Wattwilerin Susanna Müller nun erstmals zu sehen.
01. Mai 2016, 02:35
SERGE HEDIGER

«Der Selbstkocher», schrieb Frau E. Stadler aus Fribourg im Zeitschrifteninserat, «leistet ausgezeichnete Dienste.» «Unsere Köchin hat grosse Freude am Selbstkocher», teilte Max Geiser aus Langental mit. Und Frau Direktor H. Stauffer aus Bern bestätigte in der Annonce gerne, dass sie sich seit Jahren des Selbstkochers bediene und in jeder Beziehung sehr zufrieden damit sei.

Silberne Ausstellungsmedaille

Selbstkocher? Eine Tonne aus Blech, emailliert und isoliert, knapp hüfthoch und von circa 40 Zentimetern Durchmesser. Der Deckel geschwärzt, der Henkel geschwungen bietet er Platz für zwei Kochgeschirre aus Aluminium. Seine Funktionsweise ist einfach: Speisen werden wenige Minuten lang auf dem Herd vorgekocht und noch dampfend heiss in die Geschirre gefüllt. Im Selbstkocher garen sie dann zu Ende. So benötigt beispielsweise Grünkernsuppe gemäss Gebrauchsanweisung gerade mal 10 Minuten Kochzeit – bei anschliessend 21/2 Stunden unbeaufsichtigter Dunstzeit.

Es ist Mai 1914. Am Vorabend des Ersten Weltkriegs wird in Bern die dritte Schweizerische Landesausstellung eröffnet. Die Schau zeigt naturnahes Landleben, es ist eine Zeit der Rückbesinnung auf die bäuerliche Kultur. Das Schweizervolk solle, heisst es in der «Neuen Zürcher Zeitung», durch die Landesausstellung gestärkt werden im Glauben an seine Kraft, die in der Arbeitstüchtigkeit der Nation liege.

3,196 Millionen Menschen besuchen die Ausstellung und ihre Palais zum Eintrittspreis von 1.50 Franken; das entspricht dem Preis von vier Kilo Brot. 6237 Aussteller zeigen in der Bundeshauptstadt ihre Produkte. Eines davon ist der Selbstkocher. Er wird mit der Silbernen Ausstellungsmedaille ausgezeichnet. Sein Hersteller rühmt ihn als «erwiesenerweise bestes Küchengerät der Neuzeit» und hebt seine Vorteile hervor: «50 Prozent Brennmaterialersparnis; 50 Prozent Zeitersparnis.»

In drei Monaten wird die Schweizer Armee mobilmachen, werden die Männer in den Fabriken und auf den Feldern fehlen. So viel Arbeit, so wenig Zeit für die Daheimgebliebenen. Über all die Kriegsmonate werden sich die Mütter und Frauen, dankbar für den Zeitgewinn und das gesparte Brennmaterial, mit dem Selbstkocher zu behelfen wissen.

Jahrzehnte im Estrich

Im zweiten Stock des Toggenburger Museums Lichtensteig, einem der ältesten Heimatmuseen der Schweiz, steht Christelle Wick vor dem «Original-Selbstkocher». Dieses «Kleinod der Küche», wie es in einem weiteren Werbetext heisst, hat die Jahrzehnte in einem Estrich im Wallis überdauert und wurde dem Museum vergangenen Winter überraschend als Schenkung vermacht.

Wie ein Juwel wird es von der Museumskuratorin denn auch behandelt: «Selbstkocher sind Gebrauchsgegenstände. Viele gingen kaputt. Nur wenige blieben erhalten», sagt Christelle Wick. «Ich habe mir fürs Toggenburger Museum immer einen gewünscht.»

Denn der Selbstkocher ist eine Erfindung der Toggenburgerin Susanna Müller aus Wattwil, geboren 1829. Als Vierjährige half sie beim Garnspulen, als Achtjährige beim Weben mit, den einfachen, fünfköpfigen Bauernhaushalt im Hummelwald am Rickenpass zu versorgen. Schule? Nur in den Wintermonaten.

Mit 16 Jahren, nach dem Tod ihrer Mutter, übernahm sie den Haushalt. Mit 19, das Rückgrat längst verkrümmt, flüchtete sie vor dem Vater, von dem es hiess, er sei verständnislos gewesen. Susanna Müller, als Autodidaktin in Hausarbeit begabt, wurde Arbeitslehrerin. Führte eine Pension in Zürich. Und schaffte als Erfinderin den kommerziellen Durchbruch. 1885 liess sie «Susanna Müller's Selbstkocher» patentieren: Patent +9616 D. R. M 51085. Sein Alleinstellungsmerkmal: Ob zur Feld- oder Fabrikarbeit – in dem am Morgen zu Hause eilig gefüllten Selbstkocher garte das Essen am Arbeitsplatz fertig, blieb schmackhaft und warm.

Schwer krank und tief religiös starb Susanna Müller 1905 in Wil. Da waren die langwierigen Prozesse gegen die vielen Nachahmer, die versuchten, durch kleine Änderungen am Modell Müllers Patentschutz zu umgehen, noch immer im Gange.

Mitgabe für Töchter

Vielleicht hat sie die Konkurrenz ja ein Stück weit auch mitverschuldet. «Susanna Müller war es ein Anliegen, dass sich auch Frauen aus ärmeren Verhältnissen einen Selbstkocher leisten können. So hat sie denn in ihren Schriften Anleitung zum Eigenbau solcher Kochkisten gegeben», sagt Christelle Wick vom Toggenburger Museum.

Ihre Schriften? 1860 erschien die erste. Susanna Müller nannte diesen Briefroman «Das fleissige Hausmütterchen – Mitgabe in das praktische Leben für erwachsene Töchter». 1866 folgte eine selbstredigierte Monatsschrift mit dem gleichen Titel, es folgte das Buch, das bis 1964 sagenhafte 30 Auflagen erleben und sich fast 200 000fach verkaufen sollte.

Wie wird Geflügel doppelt dressiert? Wie eine Einlaufsuppe zubereitet? Wie sterilisiert man Mairüben? Auf 900 Seiten beantwortet «Das fleissige Hausmütterchen» Fragen der Haushaltsführung, die zu jener Zeit auch das Nähen einer Matrosenbluse für Knaben einschlossen oder die Aussaat von Zichorie als Kaffeesurrogat. Krankenpflege, Kleinkindererziehung, Kräuterkunde: Jedes Thema wird behandelt – immer auch unter dem Aspekt des häufig vom Ehemann verwalteten Geldes. «Man muss rechnen», lautete das Credo des fleissigen Hausmütterchens, von der gängigen Rollenteilung zur Haushaltsministerin ohne Portefeuille degradiert: «Sparsamkeit, d. h. weniger ausgeben als einnehmen, ist die Grundbedingung eines jeden Haushaltes», heisst es in der 18. Auflage von 1916.

Daran hat sich 100 Jahre später nichts geändert, nur kann mancher heute nicht mehr rechnen.

www.toggenburgermuseum.ch

Hauptgasse 1, Lichtensteig. Öffnungszeiten: April bis Oktober jeweils samstags und sonntags von 13 bis 17 Uhr


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