Die Post, die noch wächst

BRIEFMARKT ⋅ Der private Postdienstleister Quickmail ist seit der Gründung 2009 stark gewachsen. Heute verteilt das St.Galler KMU in der ganzen Schweiz Kataloge. Ohne weitere Liberalisierung des Briefmarkts stösst es damit aber an die Grenzen des Wachstums.
16. Juli 2017, 05:16
Kaspar Enz

Kaspar Enz

kaspar.enz

@ostschweiz-am-sonntag.ch

Es ist schmal und kurz, trotzdem hat es im Renault-Elektromobil Platz für Stapel von Katalogen, Magazinen und dicken Briefen. Genug, um die Haushalte entlang der 15 Kilometer Strasse zu versorgen, für die Elena Däpp zuständig ist. Seit drei Jahren verteilt sie für Quickmail die Post in der Gegend um Thal, seit zwei Monaten mit dem Gefährt mit dem Firmenlogo. «Ich hab damit weniger Probleme, einen Parkplatz zu finden. Und der neue Wagen ist oft Anlass zu Gesprächen mit den Leuten.» Drei Verteilerinnen und Verteiler testen zurzeit schweizweit das kleine Elektroauto. Quickmail wolle eine E-Flotte für die Verträger aufbauen, sagt Stephan Haag, Leiter Operations und Einkauf von Quickmail. E-Bikes seien schon im Einsatz.

Däpp ist eine von unterdessen 3000 Verträgerinnen und Verträgern des privaten Postunternehmens aus St.Gallen. Seit Anfang Jahr ist Quickmail in allen Kantonen vertreten. «In einigen Gebieten müssen wir noch Lücken schliessen», sagt Geschäftsführer Bernard Germanier. «Bis Ende Jahr wollen wir 85 Prozent aller Schweizer Haushalte abdecken.» Dafür braucht Quickmail in erster Linie Mitarbeitende wie Elena Däpp. Jeweils am Mittwoch erhalten sie die Pakete mit den Katalogen, Briefen und Zeitschriften für die Adressen in ihrem Gebiet. Bis zum Wochenende haben sie Zeit, diese zu verteilen. «Ich habe Familie, deshalb ist das für mich praktisch», sagt Däpp. «Jetzt arbeite ich in der Nähe, und kann die Zeit selber einteilen.» Die meisten der schweizweit 76 Festangestellten von Quickmail betreuen und ­koordinieren die Verteilerinnen und Verteiler in den verschiedenen Regionen.

Doch jeden Schweizer Briefkasten wird Quickmail kaum beliefern können, sagt Bernard Germanier. Manche, rund drei Prozent der Haushalte, seien zu abgelegen. Auch in Industriegebieten verteilt Quickmail keine Post. «Wir haben zu wenig Kunden, die Geschäftskunden beliefern.» Und bei andern Empfängern steht die Post im Weg. Im Februar unterlag Quickmail vor dem Bundesverwaltungsgericht. Sie wollte tiefere Gebühren für die Belieferung von Postfächern. Und in vielen Mehrfamilienhäusern sind die Briefkästen nur mit einem Schlüssel zu erreichen. «Die Post bekommt diese Schlüssel automatisch. Für uns ist das komplizierter», sagt Germanier.

Die Monopolgrenze bewegt sich nicht

Den grössten Teil der Briefpost darf Quickmail gar nicht austragen. 2009 wurde das Briefmonopol der Post von 100 auf 50 Gramm gesenkt. Das St. Galler Marketingunternehmen MS Direct der Familie Stössel sah eine Chance für einen Verteildienst für adressierte Kataloge oder Kundenzeitschriften. Es gründete Quickmail und diese verteilte bald erste Bündel in der Ostschweiz. «Damals hiess es vom Bundesrat, die Monopolgrenze werde in kleinen Schritten weiter gesenkt.» Doch geschehen ist noch nichts. «50 Gramm sind nicht wenig», sagt Germanier. «Es ist mehr als nur ein Brief und ein Einzahlungsschein.» Deshalb rät er den Kunden, die Couverts gut zu füllen. «Vielleicht kleine Geschenke einpacken. Das steigert auch die Aufmerksamkeit bei den Empfängern.»

Denn um die gehe es Quickmail. «Wer Massensendungen über uns verschickt, kann machen, was er will», sagt Germanier. Quickmail sei bei Massensendungen nicht nur etwas günstiger als die Post. Die Kunden können eigene Briefmarken entwerfen, neue Formate ausprobieren. Und sie sind sicher, dass die Post vor dem Wochenende im Briefkasten ist. Trotz Internethandel hätten Kataloge immer noch eine Berechtigung. «Wenn ich von einer Firma einen Newsletter erhalte, dann schaue ich sie vielleicht einmal an, oder ich lösche ihn gleich. Ein Katalog bleibt ein paar Tage liegen.» So blättere man eher darin.

Der Umsatz des Internethandels befeuert aber vor allem den bereits weitgehend liberalisierten Paketmarkt. Hier konnten private Anbieter besser Fuss fassen. Gleichzeitig weitet die Schweizerische Post auch ihre Aktivitäten in Bereichen aus, die für den Markt schon immer offen sind: Tochterfirmen wie die Direct Mail Company oder Presto verteilen unadressierte Werbung und einen immer grösseren Teil der Zeitungen.

Anders als die Pakete sind adressierte Massensendungen aber kein Wachstumsmarkt. Laut dem Bericht des Bundesrates über die Evaluation des Postgesetzes von Anfang Jahr entwickelte sich ihre Zahl zwischen 2009 und 2015 rückläufig. Nur leicht zwar, aber auch Germanier ist klar: «Wir konnten in den letzten Jahren zulegen, weil wir immer neue Gebiete abdecken konnten.» Jetzt, wo Quickmail in der ganzen Schweiz vertreten ist, fällt ein wichtiger Wachstumstreiber weg. Und wegen der Monopolgrenze hat Quickmail Zugang zu weniger als einem Viertel des Briefmarktes.

Hoffen auf die Politik

Bernard Germanier hofft deshalb auf weitere Marktöffnungsschritte. Die Monopolgrenze soll sinken, der Zugang zu Postfächern gesichert, die Rabatte, mit denen die Post Grosskunden an sich bindet, sollen unter die Lupe genommen werden. Quickmail kann sich durchaus Hoffnungen machen. Der Bericht des Bundesrates über die Evaluation des Postgesetzes erkennt diese Hürden an. Und eine Motion im Nationalrat fordert, die Empfehlungen in der geplanten Revision des Postgesetzes umzusetzen. «Es bleibt uns nichts anderes übrig, als auf die Politik zu setzen», sagt Germanier. Denn statt mit allen Marktteilnehmern zusammenzuarbeiten, sperre sich die Post. Das sei nicht im Sinne der Empfänger. «Es wäre auch für die Post gut, wenn man in Poststellen Pakete oder Briefe privater Anbietern abholen könnte», meint Germanier. Damit nähme man der Post nichts weg. «Wir machen ja nur Massensendungen. Da gibt es die tiefsten Margen.»


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