300 Seiten Vorgeschichte

REFORMATION ⋅ Dass Äbte Kinder hatten, war im Spätmittelalter nichts Ungewöhnliches. Und historisch gehört der Kanton St. Gallen nicht zusammen. Diese Thesen vertritt Johannes Huber, Redaktor des aktuellen Neujahrsblatts.
14. November 2017, 06:52
Roman Hertler

Roman Hertler

roman.hertler@tagblatt.ch

Der historische Verein des Kantons St.Gallen hat den ersten von zwei Bänden zum Reformationsjubiläum präsentiert (siehe unten). Der zweite Teil erscheint nächstes Jahr. Geleitet wird das Projekt von Johannes Huber, der danach sein Amt als Redaktor von insgesamt sechs Neujahrsblättern niederlegen wird.

Johannes Huber, so dick war das Neujahrsblatt noch nie. 300 Seiten umfasst allein der thematische Teil. Und das ist erst der erste Band. Haben wir nicht schon genug über die Reformation gelesen?

Natürlich gibt es seit 1977 die «Kleine St.Galler Reformationsgeschichte» von Marianne und Frank Jehle und die Beiträge in der Kantonsgeschichte. Den Wert dieser Werke will ich auf keinen Fall schmälern, aber sie bleiben schon des Umfangs wegen bruchstückhaft. Einige Ereignisse oder Phänomene werden nur angedeutet. Wir haben uns schon vor vier Jahren bei der Konzeption gefragt: Was braucht es?

Was war die Antwort?

In der Kantonsgeschichte beispielsweise springen wir von Ereignis zu Ereignis, hüpfen von Gemeinde zu Gemeinde. Was fehlt, ist die Klammer, die alles zusammenbindet und die Ereignisse in die grösseren Zusammenhänge einbettet. Die reformatorischen Umstürze waren gerade für das Gebiet des späteren Kantons St.Gallen äusserst prägend. Kein anderes Gebiet der Schweiz war konfessionell so stark fragmentiert wie die Ostschweiz. Mein Ziel ist es, dieser Vielfalt gerecht zu werden. Deshalb gibt es Beiträge aus allen ­Gebieten des Kantons, und, was mich besonders freut, einen Aufsatz des Innerrhoder Staatsarchivars Sandro Frefel über das vorreformatorische Appenzellerland.

Das klingt nach einem patriotischen Programm, aus dem heraus 1859 auch der Historische Verein gegründet wurde. Wird hier nicht eine kanto­nale Zusammengehörigkeit herbeigeschrieben, die es so nicht gibt?

Mit dem Blick in eine gemeinsame Vergangenheit geht es sicher auch um Identität. Andererseits muss man festhalten, dass die Mentalitäten im Kanton noch heute sehr unterschiedlich sind. Ein Sarganserländer denkt, fühlt, handelt anders als ein Rapperswiler oder ein Stadtsanktgaller. Die Gebiete des heutigen Kantons St.Gallen gehören historisch nicht zusammen. Das tun sie erst seit 1803, und das nicht immer ohne Reibungsflächen. Am Vorabend der Reformation bestand der heutige Kanton aus einem Dutzend Herrschaftsgebieten. All diese Gebiete waren bis 1803 nie eigenständig und standen ­immer unter eidgenössischer Schirmherrschaft. Die Reformation hat die Ostschweiz nicht homogener gemacht.

Gibt es andere Gemeinsamkeiten ausser der politischen Abhängigkeit?

Die Reformationsgeschichte hat auch eine universelle Komponente. Der heutige Kanton St.Gallen liefert lediglich den geografischen Rahmen. Die Europäer des Spätmittelalters hatten im Grunde alle dieselben Sorgen und Nöte. Immer wieder rollte die Pest über den Kontinent, raffte einen Drittel der Bevölkerung dahin, und dazu predigte die Kirche von einem strafenden Gott. Dann kam Luther und erzählte den Leuten, was sie hören wollten. Von einem gnädigen, einem humanistischen Gott, und dass man für das Seelenheil beten statt bezahlen soll.

Im Neujahrsblatt gibt es einen Aufsatz ohne Ostschweiz- Bezug. Darin geht es um  «Bedeutung und Formen von Frömmigkeit im Spätmittelalter». Warum wurde dieser Beitrag aufgenommen?

Die Arbeit von Janna Kraus fällt zugegebenermassen aus dem Rahmen. Sie befasst sich aber in allgemeiner Form mit dem zen­tralen Thema des ersten Bands: Darin geht es um die Bedingungen und den Nährboden der Reformation im Gebiet des heutigen Kantons St.Gallen. Das zentrale Stichwort hierbei ist Frömmigkeit. Band 2 wird sich dann mit der Umsetzung und den Spätfolgen der Reformation im Kantonsgebiet befassen.

Wie wirkte sich die postulierte Frömmigkeit der Gesellschaft im heutigen Kantonsgebiet aus?

Im Spätmittelalter gab es in der Ostschweiz einen kostenintensiven Kirchenbauboom. Vielleicht noch ausgeprägter wie in anderen Gebieten. Dabei ging es nicht nur um das Seelenheil der Schäfchen, sondern vor allem auch um handfeste wirtschaftliche Interessen. Mit Wundern, Heiligen, Wallfahrten, Jahrzeiten und Ablässen liess sich gutes Geld verdienen, auch in der Ostschweiz.

Im Neujahrsblatt werden auch katholische Zeitgenossen porträtiert: der Appenzeller Gegenreformator Diepolt Hutter, der auch in Montlingen wirkte, oder der St.Galler Fürstabt Ulrich Rösch. Beiden wird Dekadenz und Unmoral vorgeworfen.

Das ist natürlich die Sichtweise der reformierten Geschichtsschreibung. Dass Hutter päpst­liche Gelder im Gegenzug zur Söldnerlieferung erhalten hat, ist unbestritten. Ist es aber tatsächlich unrecht, wenn Abt Rösch Kinder gehabt hat? Immerhin hielt er sich ans Zölibat und blieb ehelos. Dass er Kinder hatte, war aus zeitgenössischer Perspektive nichts Ungewöhnliches.

Werden im Neujahrsblatt also auch bekannte Geschichten neu interpretiert?

Wir wollen nicht die Geschichte umschreiben, sondern vielmehr die vorhandenen Quellen ergänzen und die St.Galler Reformationsgeschichte vervollständigen. In diesem Sinne hat die Arbeit auch etwas Konservatorisches. Ich war für die zwei Reformationsbände sehr viel mit der Kamera unterwegs, um Baudenkmäler, Kirchenausstattungen und Dokumentationen, die sich teilweise in Privatbesitz befinden, für die Nachwelt zu bewahren.

St.Gallen am Vorabend der Reformation

Aus Ostschweizer Perspektive kommen die Feierlichkeiten zu früh: Die Reformation erfasste die Region erst 1520/21. Derzeit erscheinen allerdings diverse Publikationen zum Jubiläum des Thesenanschlags zu Wittenberg. «Dem konnte und wollte sich der Historische Verein nicht entziehen», sagt Neujahrsblatt-Redaktor Johannes Huber. Teil 1 («Auf der Suche nach einem gnädigen Gott») widmet sich der Vorgeschichte der Reformation in der Ostschweiz. Der reich illustrierte Band umfasst Beiträge zu Kirchenbau, Frömmigkeit, Ablass, Wallfahrt sowie Porträts. Das 157. Neujahrsblatt ist für 46 Franken beim Toggenburger Verlag (verlag@toggenburgerverlag.ch) zu beziehen. (hrt)


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