"Wötsch e Tonne Risoletto?"

KABARETT ⋅ Manuel Stahlberger mag es nicht, wenn man ihn mit Mani Matter vergleicht. Dafür sei sein Kopf zu wirr. Im Interview spricht der 43-Jährige über Stress im Alltag, Politik und wie seine Lieder entstehen
12. Oktober 2017, 13:33
Interview: Simon Roth

Schoggi statt Wasser. «Sorry, das Mineral ist mir ausgegangen», entschuldigt sich Manuel Stahlberger zu Beginn des Gesprächs, das er fast verschwitzt hätte. «Wötsch e Tonne Risoletto?», fragt er stattdessen. Es klingt wie der Titel eines Lieds, an dem er gerade arbeitet. «Oder grad zwei, drü, vier?», fügt er hinzu.

Organisation gehört nicht zu den Kernkompetenzen des St. Galler Mundartkünstlers. Muss sie auch nicht. Seit über 20 Jahren ist der 43-Jährige Liedermacher, Comiczeichner und Kabarettist. Mit Erfolg. Mehrere Kleinkunstpreise wurden ihm verliehen, darunter der begehrte Salzburger Stier. Mit seiner Band «Stahlberger» hat er drei CDs produziert, zwei weitere hat er solo herausgegeben.

Schon früh wusste Stahlberger, was er mit seinem Leben anfangen will. Mit 18 Jahren, nachdem er die Kantonsschule abgebrochen hatte, wollte er Künstler werden. «Was das genau heisst, wusste ich damals noch nicht», sagt er. Heute sieht er die Welt mit anderen Augen. Stahlblau sind sie noch immer, doch der Blick hat sich verändert. «Ich bin meiner Arbeit gegenüber gelassener geworden», sagt er. Er müsse die Dinge langsamer angehen und nicht das Gefühl haben, möglichst viele Sachen gleichzeitig zu machen. «Ich arbeite lieber genau, als mit irgendwelchem halbfertigen Zeugs zu bluffen», räsoniert der Künstler. Die Einsicht hat etwas Gutes: Durch sie hat Stahlberger wohl seine Herangehensweise gestärkt: «Ich bin effizienter geworden.»

Familie ist das Wichtigste

In Zukunft will Manuel Stahlberger seine Energie bündeln und für das einsetzen, was ihm am wichtigsten ist: seine Familie. Etwa die Hälfte der Woche kümmert er sich als Hausmann um die zwei Töchter. Am Morgen müssen die Mädels in die Kindertagesstätte und den Chindsgi. Dann bleibt Zeit, um im Atelier zu arbeiten – am Mittag muss dann schon wieder das Essen auf dem Tisch stehen. Gesunder Stress: «Seit ich Vater bin, stehe ich früh auf und esse regelmässig.»

Nun tourt Manuel Stahlberger mit seinem Solo-Programm «Neues aus dem Kopf» durch die Schweiz. Auf der Bühne schöpft er aus dem Vollen. Melancholische Lieder reihen sich an dadaistische Powerpoint-Präsentationen, projiziert auf eine mit Wäsche­leinen befestigte Leinwand. Und Zeichenunterricht gibt es auch noch. Das glitzernde Silberhemd ist immer mit dabei: «So kommt immerhin ein bisschen Glamour auf die Bühne.»

Manuel Stahlberger, Sie sind Mundartpoet, Musiker, Zeichner und Kabarettist. Welche Berufsbezeichnung geben Sie sich selbst?

Das kommt nicht so drauf an. Eigentlich habe ich für mich einen neuen Beruf erfunden, eine Nische, in der ich mich wohl fühle. Ich habe immer mehrere Ideen, die mir im Kopf herumschwirren. Nur stehen manchmal einige Projekte hinten an.

Zum Beispiel?

Ich möchte mehr zeichnen. Auch ist bald wieder ein neues Album mit meiner Band «Stahlberger» geplant.

Das klingt nach Stress.

Das bedeutet nicht zwingend Stress. Bloss, ich gehe nicht einer geregelten Arbeit nach. Ich muss einfach Familie und die verschiedenen Engagements unter einen Hut bringen.

Ihre Lieder handeln von Alltäglichem und Belanglosem. Gibt es keine wichtigeren Themen?

Klar gibt es wichtige politische Themen. Die vermag ich künstlerisch aber nicht zu verarbeiten. Jedenfalls nicht eins zu eins. Stattdessen versuche ich immer wieder, den Fokus auf Dinge zu richten, die zu wenig Beachtung finden. Auch das kann man politisch sehen.

Befassen Sie sich mit Politik?

Sagen wir so: Es interessiert mich, was um mich herum geschieht. Meine Wahrnehmung ist sehr feinfühlig. Für diese Eindrücke suche ich passende Ausdrucksmittel. Ich muss immer einen Umweg nehmen. Die Botschaft kommt eher durch die Hintertür.

Wie entstehen Ihre Texte?

Es sind meistens Reime oder ein paar Sätze, die gut tönen, die den Anlass für einen Song geben. Die liegen dann so herum, manchmal weiss ich nicht, was sie eigentlich wollen. Dann muss ich mit ihnen kämpfen, bis es passt. Wie im Lied «Haubi Songs» von Züri West.

Sie wurden auch schon mit Mani Matter verglichen.

Den Vergleich würde ich selber sicher nie machen. Mani Matter ist viel analytischer in seinen Gedanken. Ich bin ein Wirrkopf. Ich habe selten eine Antwort. Er schon.

Mit 27 Jahren haben Sie den Prix Walo erhalten. Wann war Ihnen klar, dass Sie von Ihrer Kunst leben können?

Ich habe mit 20 angefangen, Lieder zu machen. Damals tourte ich mit Moritz Wittensöldner als «Mölä &Stahli» durch die Schweiz. Wir haben Berndeutsch imitiert und uns doofe Hüte aufgesetzt. Mit dem Geld, das wir verdienten, kamen wir geradeso durch. Ich habe das aber nicht gemacht, um irgendeinen Preis zu gewinnen oder reich zu werden.

Sondern?

Ich wollte das machen, was mir Spass macht: Reimen, Texten, Lieder schreiben. Den eigenen Zeitplan selbst bestimmen und mir von niemandem dreinreden lassen, was ich zu tun hatte.

Als Jugendlicher haben Sie die Schule gehasst, mehrere Ausbildungen abgebrochen. Wie sehen Sie das als Vater?

Das stimmt, die Schule war damals mein Feind. Ich zeichnete viel lieber und hatte gar keine Zeit, um in die Schule zu gehen. Mittlerweile sehe ich nicht mehr alles ganz so schwarz-weiss. Ich habe aber durchaus Verständnis dafür, wenn ein Kind sich in der Schule am falschen Ort fühlt. Kinder verhalten sich ja nicht grundsätzlich auffallend, um ihre Eltern oder die Lehrer zu nerven.


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