Als die Menschen mit dem Vieh grasten

31. März 2016, 02:40
Serge Hediger ?INTERVIEW AUF SEITE 31

Schneefall im Sommer, aussergewöhnliche Kälte und Nässe führten vor 200 Jahren zur letzten grossen Hungersnot in der Schweiz.

Diesem Ereignis der Jahre 1816 und 1817 widmet das Toggenburger Museum Lichtensteig seine neue Sonderausstellung ab Samstag, 20. August.

Ernteausfall und Teuerung

Das sogenannte «Jahr ohne Sommer» führte besonders im Toggenburg zu einer prekären Versorgungslage: Viele Weber und Spinnerinnen waren ohne Verdienst, die Getreidepreise stiegen ins Unermessliche, und ohne Land konnten sich die Menschen nicht versorgen. Glücklich, wer eine Armensuppe bekam und nicht betteln gehen musste. Vor Hunger assen die Menschen sogar Gras, wie ein eindrückliches Gedenkblatt aus der Museumssammlung zeigt. Darauf heisst es: «Oft zählte man in einer einzigen Wiese, zur gleichen Stunde, 30 bis 40 Menschen, die unter dem Vieh ihre Nahrung aufsuchten.»

Vulkanausbruch als Ursache

Trotz «gesottener Knochen und Wiesenkräuter» starben im Toggenburg mehr als 3000 Menschen, ein grosser Teil am Hunger und seinen Folgen. Was damals niemand wusste: Der Ausbruch des Vulkans Tambora im weit entfernten Indonesien 1815 hatte eine Klimaveränderung bewirkt. Die vom Hunger geplagten Menschen indessen glaubten an eine Prüfung Gottes und suchten Trost im Gebet. «Erlöse uns von dem Übel. Gedenke der bösen Zeit in der guten», heisst es denn auch auf der hölzernen Schöpfkelle, mit der in Libingen die Armensuppe portionenweise ausgeschenkt wurde und die im Museum ebenfalls zu sehen ist.


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