Der Geigenbauer aus Japan

WATTWIL. In seiner Heimat Japan hat Yojiro Hamasaki durch seinen Lieblingsmusiker zum Geigenbau gefunden. Nach der Geigenbau-Ausbildung in Italien ist er der Liebe halber in der Schweiz gelandet – in demselben Land wie die Geige seines verstorbenen Idols, die sein Lehrmeister in Tokio fertigte.
13. Oktober 2010, 06:55
Matthias Giger

Vor wenigen Tagen hat Yojiro Hamasaki, der mit seiner Frau, einer Schweizerin, in Lichtensteig lebt, sein Geigen- und Gitarrenbau-Atelier von Lichtensteig ins ehemalige Verwaltungsgebäude der Heberlein AG an die Ebnater Strasse 79 in Wattwil verlegt. Der Raum sei besser als der vorherige. Jener in Lichtensteig ist zu klein geworden. Im neuen Atelier hat er zwei Räume: Einen für die Werkstatt und den zweiten für die Lackierung der Instrumente und Kundenbesuche.

Vom Jazz zum Geigenbau

Via Jazzmusik, genauer über den französischen Jazz-Geiger Stéphane Grappelli ist der gebürtige Japaner auf das Instrument Geige gekommen. Er, der früher in Rock- und Jazzbands Schlagzeug spielte und mit Holzstöcken auf Felle und Bleche trommelte, hielt plötzlich dieses zerbrechliche Instrument in den Fingern. «Ich hatte von Anfang an grossen Respekt vor dem Instrument», sagt er. Als er seine erste Geige kaufte, begann er sich auch genauer mit dem Bau des Instruments zu befassen.

 

«Zufällig lernte ich während meines Jura-Studiums in Tokio den Geigenbauer Yuji Miyama kennen, der dieses Handwerk als Hobby betrieb», erzählt er. Bei ihm verbrachte er seine freien Stunden, von denen es nicht viele gab. Um sich Geld für die Geigenbau-Ausbildung in Europa zu sparen, arbeitete er als Zeitungsverträger.

«Das war zwar eine harte Arbeit, aber ich hatte, wie das in Japan üblich ist, Kost und Logis, konnte daher viel Geld auf die Seite legen und wohnte ganz in der Nähe des Meisters», sagt Yojiro Hamasaki.

Auf Japanisch werde Holz und Energie gleich ausgesprochen: ki. Sein Meister in Tokio sagte ihm, dass seine Energie mit in das von ihm gebaute Instrument einfliesse. Diese Weisheit sollte er nach der Geigenbau-Ausbildung erneut hören.

Und ein zweiter Zufall begleitet den jungen Geigenbauer im Zusammenhang mit dem Amateur-Geigenbauer aus Tokio. «Der Sohn des Meisters ist ein Geiger. Und er hatte regen Kontakt mit meinem Lieblingsmusiker, Stéphane Grappelli», erzählt Yojiro Hamasaki. Er habe nicht schlecht gestaunt, als er in der Werkstatt ein Foto seines Meisters mit seinem Idol entdeckte.

Als Grappelli in Japan einige Konzerte spielte, habe er seinen Meister besucht und von ihm eine Geige geschenkt bekommen. Nach Grappellis Tod 1997 veranstaltete dessen Familie eine Auktion. «Ich habe gelesen, dass ein Schweizer die Geige meines Meisters ersteigerte. Sie ist also in der Schweiz gelandet – wie ich. Vielleicht treffe ich sie ja irgendwo wieder», sagt der junge Geigenbauer hoffnungsfroh.

Erst Sprache, dann Handwerk

Früh fasste der heute 33-Jährige den Entschluss, nach dem Studium in Europa das Handwerk des Geigenbaus zu erlernen und dieses vollberuflich auszuüben. Seine Eltern hatten keine Freude als ihnen ihr Sohn eröffnete, dass er nach Abschluss seines Jurastudiums in Europa das Handwerk des Geigenbauers erlernen möchte. Bald habe sich die elterliche Aufregung um seinen Berufswunsch aber gelegt.

Seine Frau lernte er während des Italienischkurses in Bologna kennen, den er vor seiner Ausbildung zum Geigenbauer absolvierte. Die beiden fanden in Lichtensteig eine schöne Wohnung, wo sie seit April 2006 leben und wo Yojiro Hamasaki Deutschkurse besucht.

Die dreijährige Ausbildung zum Geigenbauer absolvierte er von 2001 bis 2004 an der bekannten Geigenbauschule «Antonio Stradivari» in Cremona. Im Juli 2004 begann er ein Praktikum bei dem Geigen- und Gitarrenbauer Lorenzo Frignani in Modena.

«Er hat mich auch gelehrt, wie man Gitarren baut und repariert. Bis zu dem Zeitpunkt hatte ich mich ausschliesslich für Geigen interessiert.» Dabei sei ihm die Gitarre doch immer sehr nahe gewesen, als er in verschiedenen Bands in Japan spielte, meint er.

Lorenzo Frignani sagte ihm, dass man es dem Instrument anhöre, ob sich der Instrumentenbauer bei dessen Herstellung wohl fühlte und konzentriert bei der Sache war. Er habe sich dabei unweigerlich an die Worte seines Meisters in Tokio erinnert.

Vorstellen, fühlen, hören

Gitarren wie Geigen können auch maschinell gefertigt werden. «Dabei geht aber der direkte Umgang mit dem Material verloren und sie klingen in der Regel weniger gut als jene von Instrumentenbauern», sagt er. Als Instrumentenbauer habe man eine bestimmte Vorstellung, wie die Geige oder Gitarre tönen soll. «Dieser Vorstellung versuchen wir möglichst nahe zu kommen», betont er. Bei Geigen und Gitarren suche man die Balance zwischen einem weichen und harten Klang zu finden.

Seine Instrumente verkauft er an Musiker und Musikgeschäfte in der Schweiz, in Japan, in Österreich und in Italien. Er liefere sie in der Regel persönlich aus. Dabei fertige er beispielsweise ein Instrument auf Bestellung und dazu einige mehr, um sie vor Ort in weiteren Geschäften auszustellen. So erweitere er sein Vertriebsnetz. «Zudem bietet mir die persönliche Lieferung die Gelegenheit, nach Japan zu reisen, um meine Freunde und Familie zu sehen», sagt er.

Nebst seinen Verwandten und Bekannten, japanischer Literatur und kulinarischen Köstlichkeiten vermisse er hier in der Schweiz nichts. «Obwohl ich in Hiroshima aufgewachsen bin und in Tokio studierte, bin ich kein Stadtmensch. Hier fühle ich mich sehr wohl», sagt er und geniesst die Aussicht seines Ateliers im zweiten Stock.


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