Der Sommer, der ins Wasser fiel

Die Explosion eines Vulkans in Indonesien hatte vor 200 Jahren in der Schweiz einen nasskalten Sommer, Missernten und eine Hungersnot zur Folge. Die Menschen assen Gras oder Rinde; zahlreiche Menschen starben. Eine Ausstellung im Toggenburger Museum erinnert daran.
25. August 2016, 02:40
STEFAN HOTZ

LICHTENSTEIG. Der Frühling 2016 war wettermässig nicht berauschend. Doch das ist kein Vergleich zu dem, was die Menschen vor 200 Jahren ertragen mussten. Bis im Juni schneite es 1816 immer wieder auch in tiefen Lagen. Es folgte ein nasskalter Sommer. Der Aargauer Gelehrte und Volksaufklärer Heinrich Zschokke führte Buch über das Wetter. Gemäss seinen Aufzeichnungen regnete es im Juli an 28 Tagen, meistens von morgens bis abends.

«Die grosse Theuerung»

Das «Jahr ohne Sommer» bescherte den Bauern eine Missernte. Das Getreide verrottete teilweise auf den Feldern, die Kartoffeln mussten im Herbst aus dem Schnee gegraben werden. Was nur nass eingebracht werden konnte, nahm weiter Schaden. Bis im Frühling 1817 vervielfachten sich die Preise für Korn. Deshalb wird die Krise in zeitgenössischen Schilderungen auch oft als «grosse Theuerung» bezeichnet. Das Ergebnis war in der Ostschweiz und besonders im Toggenburg eine Hungersnot. Die Menschen assen Gras oder Rinde; Menschen starben. Sie waren nicht einfach Opfer einer Laune des Wetters. Ursache war der grösste Vulkanausbruch der überlieferten Geschichte am 10./11. April 1815. Der zuvor 400 Jahre lang inaktive Tambora in Indonesien war förmlich explodiert. Vom gut 4000 Meter hohen Kegel wurde der obere Drittel weggesprengt – schätzungsweise 50 Kubikmeter an Erde und Gestein wurden dabei in die Luft geschleudert. Lavaströme, Ascheregen und Tsunamis töteten etwa 100 000 Menschen, drei Fürstentümer auf der Insel Sumbawa gingen unter.

Dass der Ausbruch des Tambora in Europa und den USA indirekt nochmals mindestens 100 000 Tote forderte, lag an der enormen Menge an Schwefelgasen, die sich in der Stratosphäre um den Erdball verteilten und das Sonnenlicht zurückwarfen. Diese Aerosole lassen sich heute in Eisbohrkernen von den Polkappen nachweisen, so wie die Witterung in den Jahrringen der Bäume und der Hunger in den Knochen jener Menschen, die damals Kinder oder Jugendliche waren, Spuren hinterliessen. Zeugnis von der Not der Menschen legt unter anderem eine Gedenktafel ab, wie sie nun in der Sonderausstellung «Z'Esse gits nur gsottes Gräs» im Toggenburger Museum in Lichtensteig zu sehen ist (siehe Kasten).

Ratlose Kantonsregierungen

Dass der Auslöser für die einschneidende Krise Tausende von Kilometern entfernt lag, wurde erst fast 100 Jahre später entdeckt. Ein nächster Vulkanausbruch in Indonesien, jener des Krakatau 1883, lenkte das Interesse der Forscher auf die Klima-Zusammenhänge; einer formulierte 1913 erstmals die These, dass das «Jahr ohne Sommer» 1816 mit dem Tambora zu tun hatte.

Erst 1977 bezeichnete der amerikanische Historiker John Dexter Post die Jahre 1816/17 als «letzte grosse Versorgungskrise der westlichen Welt». Er hielt fest, kein Land sei davon so stark betroffen gewesen wie die Schweiz. Naturkatastrophen und Hungerkrisen wurden in der Forschung lange stiefmütterlich behandelt, sagt Daniel Krämer von der Universität Bern. Er hat eine Dissertation zum Thema verfasst. Der Felssturz von Arth-Goldau 1806, der lokal begrenzt wenige Dörfer zerstörte, löste eine eidgenössische Solidaritätswelle aus und beförderte das Nationalgefühl. Die Hungerkrise hingegen traf fast alle und verschwand allmählich aus dem Gedächtnis.

Von gegenseitiger Hilfe im 1815 vertraglich gebildeten Staatenbund war nichts zu spüren. Indem die Kantone untereinander die Grenzen schlossen, verschärften sie die Not. Die Fachleute sind sich heute darüber einig, dass der Tambora die Krise wohl auslöste, diese aber eher von den Menschen gemacht war. Die Temperatur sank 1816 etwa um ein Grad, die Ernteausfälle betrugen in der Schweiz landesweit rund 20 Prozent. Das allein hätte noch keine Hungersnot verursacht. Entscheidend war, in welchem Zustand sich die Gesellschaft befand – und wie sie auf die Krise reagierte. 1816 waren die Staaten Europas ausgelaugt von den Napoleonischen Kriegen, die Vorräte durch die Beherbergung der Truppen aufgebraucht. Die Klimakrise traf eine Gesellschaft, die verletzlich war. Die Machthaber in der Schweiz handelten sehr unterschiedlich. Während im Westen, besonders in Genf, die Kantone die Not mit dem frühen Kauf von Getreide milderten, blieben die Regierungen im Osten lange passiv, verwalteten die Not und appellierten an die Frömmigkeit der Menschen.

Die Grenzen gingen zu

Die Ostschweiz traf es stärker, weil hier die Industrialisierung relativ weit fortgeschritten war. Das Bevölkerungswachstum war grösser, viele Regionen konnten sich nicht mehr selber ernähren. Die süddeutschen Gebiete jenseits des Bodensees waren die Kornkammer der Ostschweiz, die von dort Getreide importierte. 1816 gingen auch hier die Grenzen zu. Gleichzeitig wurde die Schweiz nach Aufhebung der britischen Kontinentalsperre gegen Frankreich mit billigen Textilien überschwemmt. Zahllose Heimarbeiter standen vor dem Nichts und konnten sich nicht mehr ernähren.

Die Krise zeigt verschiedene Symptome, nicht nur Tod und steigende Preise. Es gab weniger Taufen, die Diebstähle nahmen deutlich zu, und es kann nachgewiesen werden, dass die Kinder einiger Jahrgänge weniger wuchsen. Politische Unruhen hingegen gab es in der Schweiz kaum. Dabei spielte laut Krämer mit, dass die Eidgenossenschaft aus kleinen Staatswesen bestand, mit relativ geringer Steuerlast, ohne stehende Heere und grosse Städte, wo sich ein Aufstand entzünden konnte. Jene, die aus der Not ein Geschäft machten – Getreidehändler, Grossbauern, Bäcker –, gab es auch hier, und das darbende Volk wünschte sie in drastischen Karikaturen schon mal an den Galgen.


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