Die «Grosse Teuerung»

TOGGENBURG ⋅ Während der Jahre 1816/1817 steigt der Kornpreis auf dem Lichtensteiger Markt auf das Fünffache. Die Hungersnot wird deshalb auch «Grosse Teuerung» genannt.
04. Mai 2017, 05:18
Christelle Wick

Christelle Wick

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@toggenburgmedien.ch

In den «goldenen» 1760er-Jahren verkaufen die vielen landlosen Toggenburger Spinnerinnen und Weber ihre Baumwollprodukte zu gutem Preis und kaufen im Gegenzug billiges Getreide aus Süddeutschland ein. Aufgrund schlechter Ernteaussichten steigt der Getreidepreis schon im Frühsommer an und erreicht bis Herbst 1816 inflationsbereinigt das Doppelte von 1815. Über die Wintermonate erreicht er dann das Zweieinhalbfache. Im zweiten Fehljahr explodiert der Preis im Mai 1817 gar auf das Fünffache. Wer schon zuvor kaum mehr mithalten kann, hungert nun bis zur «Erlösung».

Kornsperren treiben Preise in die Höhe

Im Wiener Kongress von 1815 wird Europa neu geordnet. Die Schweiz entsteht in ihrer heutigen geografischen Form. Aus Angst vor Aufständen hungriger Untertanen sperrt Süddeutschland im November 1816 die Kornausfuhr. Auch die Kantone innerhalb des Staatenbundes Schweiz schliessen ihre Grenzen. Während in den meisten Kantonen in der Schweiz lediglich eine Hungerkrise herrscht, bricht in der Ostschweiz eine akute Hungersnot aus.

Hungertafeln thematisieren die Preisentwicklung. So listet eine Hinterglasmalerei aus der Werkstatt der Familie Moosmann in Ebersol in den zwei silbernen Ovalen «Grosse Teuerung» von 1817 und «Wohlfeile Zeit» von 1818 und 1819 die Preise wohl der Region Neckertal auf. Ein, respektive zwei Jahre nach der Hungersnot kostet ein Kornsack nur noch ein Zehntel, Kartoffeln gar ein Vierzehntel des Höchstpreises während der Not.

Wie dramatisch die Lage ist, zeigt ein Preisvergleich zwischen 1760 und 1817: Die jahrelangen kriegerischer Wirren haben in Europa zu einem Nachfragerückgang geführt. So muss ein Weber 1817 für ein Viertel Korn fast ­90-mal länger arbeiten als 1760. Bei den Handspinnerinnen ist die Lage noch misslicher. Aus den englischen Fabriken gelangt billiges Maschinengarn ab 1800 zu Dumpingpreisen auf die kontinentalen Märkte. Sie zerstören, kurzfristig durch die napoleonische Kontinentalsperre aufgehalten, die Toggenburger Handspinnerei: Eine Spinnerin muss für ein Viertel Korn gar 175-mal länger arbeiten als noch 1760.

Louis Specker, ehemaliger Kurator des Historischen Museums St. Gallen, wird am Sonntag, 7. Mai, um 14 Uhr mit dem Vortrag «Mein Gott und Vater gib uns Brot, eh wir sterben Hungertod» den Auftakt zur Veranstaltungsreihe der Toggenburger Vereinigung für Heimatkunde und des Toggenburger Museums zur Hungersnot 1816/1817 machen. Der Vortrag findet im Rathaus in Lichtensteig statt, der Eintritt ist frei, Kollekte.


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