Eine Tradition geht zu Ende

BÜTSCHWIL-MÜSELBACH ⋅ Nach 144 Jahren hat sich die Milchproduzentengesellschaft Mettlen-Müselbach aufgelöst. Die Genossenschafter gehören neu dem Milchproduzentenverein Bütschwil und Umgebung an.
24. April 2017, 07:32
Beat Lanzendorfer
An der Hauptversammlung vom 28. Februar 2017 beschlossen die Genossenschafter der Milchproduzentengesellschaft Mettlen-Müselbach deren Auflösung. Gleichzeitig wurde der Beschluss um Aufnahme in den Milchproduzentenverein Bütschwil und Umgebung gefasst, der von Präsident Peter Breitenmoser geführt wird. Das Aufnahmegesuch fand an der Hauptversammlung vom Donnerstag, 13. April 2017, Zustimmung. Nun gehören die Landwirte dem Milchproduzentenverein Bütschwil und Umgebung an, der vor ein paar Jahren durch die Zusammenschlüsse der Genossenschaften Bütschwil 1 und 2, Necker, Ibach, Oberhelfenschwil und Bodmen entstanden ist.

Acht Millionen Kilogramm Milch werden verarbeitet

Abnehmer der Milch ist die Bütschwil Käse AG an der Hofstrasse 9. Dazu Geschäftsführer Reto Güntensperger: «Wir produzieren jährlich aus rund acht Millionen Kilogramm Milch Appenzellerkäse und unsere eigenen Spezialitäten. Dazu gehört unter anderem der Gwitterchäs. Der würzige Bergkäse erfreut sich auch im Ausland grosser Beliebtheit.» Während im Betrieb in Bütschwil konventioneller Käse hergestellt wird, hat sich die Käserei Mettlen, die von Peter Güntensperger geführt wird, dem Onkel von Reto, auf die Produktion von Bio-Käse spezialisiert. «Der Familienbetrieb mit den beiden Käsereien kann so die Bedürfnisse der Kunden optimal abdecken», erklärt Reto Güntensperger abschliessend.

Aus der Geschichte der Käserei Mettlen

Die erhalten gebliebenen Protokollbücher der Milchproduzentengesellschaft Mettlen-Müselbach lassen auf eine nicht immer einfache Vergangenheit schliessen. Nachzulesen ist sie bei Andreas Scherrer, der die letzten fünf Jahre das Amt des Präsidenten bekleidete, dem Vorstand aber seit 1998 angehörte, und die Protokolle für die Nachwelt aufbewahrt. Ein erstes auffindbares Protokoll weist darauf hin, dass die Käserei Mettlen im Jahre 1873 aus der Taufe gehoben worden ist. Ziel der Gründer der Milchproduzentengesellschaft war das gemeinsame Auftreten, um die Position bei Preisverhandlungen zu stärken. Ein kurz vor dem 125-Jahr-Jubiläum gefundenes Kassabuch lässt hingegen ein älteres ­Dasein erwarten. So gehen Aufzeichnungen einer Sennerei Mettlen, so die damalige Bezeichnung, bis ins Jahr 1868 zurück. Dem Kassabuch ist zu entnehmen, dass um das Jahr 1868 eine neue Sennerei gebaut worden ist, deren Kosten mit 2900 Franken veranschlagt sind. Zum Vergleich: Der Tageslohn eines Zimmermanns betrug zu jener Zeit rund drei Franken. Wer die Eintragungen im Kassabuch vornahm, lässt sich nicht mehr eruieren, obwohl auch private Notizen darin zu finden sind.

Der erste Eintrag des erwähnten Protokolls ist mit dem 27. März 1873 datiert. Als Präsident amtete damals Josef Anton Räbsamen. Um das Jahr 1876 lieferten die Bauern von der Tobelscheuer, aus Bäbikon, Rupperswil und Müselbach die Milch zum Preis von 20 bis 22 Franken pro Mass an die Sennerei Mettlen. Zwanzig Jahre später erhielten die Milchbauern 10.25 Rappen je Liter. Im selben Jahr kaufte Jakob Beerli, Mettlen, der damalige Präsident der Gesellschaft, die Käserei. Im Jahr darauf verstarb er. 1896 kaufte die Gesellschaft die Käserei von dessen Witwe zurück, weil sich diese ausserstande fühlte, die anfallenden Reparaturen auszuführen.

Es war auch das Jahr, in dem die Gesellschafter neue Statuten genehmigten. Ungefähr zur selben Zeit entstand im Neutal eine neue Käserei.

Der Zweite Weltkrieg lässt die Preise ansteigen

Dies rief die Müselbacher auf den Plan, sich von der Käserei Mettlen zu trennen und ihre Milch fortan im Neutal abzuliefern. Die verminderte Menge konnte mit der Milch vom Krimberg einigermassen kompensiert werden. Im Februar 1905 bauten die Gesellschafter eine neue Käserei, deren Kosten werden mit 20000 Franken beziffert. Die alte Käserei verkauften sie einem Käufer namens Moosberger für 1500 Franken. Bis ins Jahr 1920 traten für die Käserei immer wieder Probleme mit dem benötigten Wasser auf. Durch das Erneuern der Quellfassungen war Wasser endlich in der erforderlichen Menge vorhanden.

An einer ausserordentlichen Versammlung bekundeten die Gesellschafter die Absicht, die Käserei zu verkaufen. Der gebotene Preis lag jedoch unter den Vorstellungen. Schliesslich wurde die Käserei nach intensiven Verhandlungen für knapp 60000 Franken an Hans Oehen verkauft. Der Vertrag beinhaltete eine zehnjährige Milchlieferungspflicht seitens der Genossenschafter. Kurz nach dem Kauf verstarb Hans Oehen, Sohn Hans, damals 27, führte den Betrieb ­weiter. In den dreissiger Jahren des letzten Jahrhunderts betrug der Milchpreis 18 bis 19 Rappen. Milch war kurz vor Ausbruch des Zweiten Weltkrieges im Überfluss vorhanden. 1935 erfolgte der Beitritt zum Milchverband St. Gallen. Der Kriegsausbruch 1939 brachte einen Engpass und liess die Preise für Milch, Butter und Käse sofort ansteigen. 1942 kaufte Josef Oehen die Käserei von der Erbengemeinschaft Oehen. 18 Jahre später veräusserte er sie an August Güntensperger, der übergab die Käserei 1979 an Sohn Peter. Dieser kaufte den Betrieb 1986 und baute die Räumlichkeiten zu einer modernen und zeitgemässen Käserei um. Peter Güntensperger führt die Käserei Mettlen noch heute.


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