Hunger stillen mit Nesseln und Löwenzahn-Spinat

TOGGENBURG ⋅ Anstelle von Habermus und Brot isst das Volk während der Hungersnot 1816/1817, was die Natur zu bieten hat. Wer essbare Pflanzen kennt, kann überleben.
25. April 2017, 07:45
Christelle Wick

Christelle Wick

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Unerschwinglich ist im Frühling 1817 das Getreide. Kaum spriesst das Kraut, strömen die Armen zur Nahrungssuche auf die Wiesen. Hungerandenken wie jenes im Toggenburger Museum berichten von Menschen, die zusammen mit Vieh weiden: «Oft zählte man in einer einzigen Wiese, zur gleichen Stunde 30 bis 40 Menschen, die unter dem Vieh ihre Nahrung aufsuchten.» Der Mensch wird in der Not zum Tier. Dargestellt sind aber auch Kräuter suchende Frauen.

Was alte Frauen noch wissen

Der Gelehrte Peter Scheitlin publiziert 1820 in seinem Buch «Meine Armenreisen in den Kanton Glarus und in die Umgebungen der Stadt St. Gallen in den Jahren 1816 und 1817» eine ganze Liste von Kräutern, die während der Hungersnot verspeist wurden. Und er lässt auch eine aus dem Toggenburg stammende Grossmutter zu Wort kommen: «Im Frühling muss niemand sterben, da wachsen Nesseln und Bachbommeln und andere Kräuter. Gott lässt Kräuter eben um der Armen willen wachsen, die darauf warten. Wie gut ist er doch, und wie sorgt er für die armen Leute!» Warum Gott besonders die Armen mit Hunger straft, bleibt dahingestellt.

Städter lernen von der Landbevölkerung

Volksbildung geschieht seit der Aufklärung über Zeitschriften und Kalender. So publiziert die junge Presse während den Hungerjahren Hinweise auf essbare und giftige Pflanzen und gibt Ratschläge über Neuerungen. Im «Bauern- und Bürgerfreund» vom 7. Mai 1817 rät ein Pfarrer aus dem Toggenburg seinen Freunden in St. Gallen zu delikatem Spinat aus Schmalzblumen-Blättern (Löwenzahn): «Man nimmt blos das Blatt – je zärter dasselbe noch ist, desto schmackhafter wird das Gemüse.» Das Wissen vom Land gelangt so zur städtischen Leserschaft.

Blüten fürs Auge und den Gaumen

Essbare Blüten sind heute im Trend, und zwar nicht nur als Dekoration. Kräuterblüten schmecken meist viel zarter als ihre Blätter und sehen auf Brötchen und Salaten schön aus. Die Ostschweizer Küche kennt aber auch «Latwääri» aus den Blüten der Schmalzblume als Brotaufstrich. Und die mediterrane Küche Kapern für die Pizza. Während der Hungersnot hingegen ging es einzig darum, den Magen zu füllen.

Im Gedenken an die Hungersnot von 1816/1817 werden in loser Serie Objekte aus dem Toggenburger Museum vorgestellt. Die Sonderausstellung «Z’Esse gits nur gsottes Gräs» zeigt, wie ein tapferer, zwölfjähriger Toggenburger Junge die Schreckenszeit überlebt. Öffnungszeiten jeweils Samstag und Sonntag von 13 bis 17 Uhr, www.toggenburgermuseum.ch.


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