In die «Bitzi» weggesperrt

Eine kleine Schau im Toggenburger Museum erinnert mit einer Infosäule des Staatsarchivs St. Gallen und diversen Archivalien an ein düsteres Kapitel der neueren Schweizer Geschichte.
28. April 2016, 02:40

LICHTENSTEIG. Die Historikerin Sybille Knecht stellt diesen Sonntag, 1. Mai, um 14 Uhr im Toggenburger Museum in Lichtensteig die Ergebnisse ihres Forschungsprojekt zu den Zwangsversorgungen im Kanton St. Gallen von 1872 bis 1971 vor. Für diese Ergebnisse hat sie diverse Akten ausgewertet und die Geschichte der Zwangsarbeitsanstalt «Bitzi» in Mosnang aufgearbeitet.

Erziehung zur Arbeit

Nicht wegen eines Delikts, sondern wegen ihrer unkonformen Lebensweise wurden «Arbeitsscheue» und «Liederliche» in die «Bitzi» weggesperrt. Dort sollen sie zur Arbeit erzogen werden. Männern wird «Trunksucht», Vernachlässigung familiärer Pflichten attestiert oder «Vaganität» – herumziehende Lebensweise.

Hinter dieser Bezeichnung verstecken sich oft Schicksale von Jenischen. Den Frauen wurde meist «unsittlicher Lebenswandel» vorgeworfen. Gemeint ist ein den gesellschaftlichen Normen zuwiderlaufendes Sexualverhalten.

Angekettet im Armenhaus

Bei unerwünschtem Verhalten oder bei Fluchtgefahr wurden die Insassen mit Schmälerung der Kost oder noch zu Beginn des 20. Jahrhunderts mit Anlegen eines Holzklotzes oder Halseisens bestraft. Auch in den kommunalen Armenhäusern war das Anketten eines Fussgewichts üblich, wie Exponate aus den Armenhäusern Bütschwil und Nesslau zeigen.

Mitte des 19. Jahrhunderts führen die meisten St. Galler Gemeinden ein Armenhaus als Erziehungsanstalt für Waisenkinder, Verpflegungsstätte für Alte und Kranke sowie als Arbeits- und Besserungsanstalt. Im Kriegsjahr 1941 herrscht Notrecht. «Vaganten» wie Hausierer müssen ihren zivilen Arbeitsdienst auf der «Bitzi»-eigenen Alpwirtschaft Aelpli absolvieren. Wer im Arbeitsdienst nichts leistet oder flüchtet, kann per Notrecht in die Zwangsarbeitsanstalt eingewiesen werden. 1941 sind rund die Hälfte der Eingewiesenen Hausierer.

Information und Archivalien

Die kleine Schau im Toggenburger Museum erinnert mit einer Infosäule des Staatsarchivs St. Gallen und diversen Archivalien an eines der düsteren Kapitel der neueren Schweizer Geschichte. Wer sich zum Thema informieren möchte, kann dies bis Sonntag, 26. Juni, jeweils am Samstag und Sonntag von 13 bis 17 Uhr im Toggenburger Museum tun. (pd)


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