Leidenschaft mit vier Saiten

WATTWIL ⋅ Nicht Mozart oder Bach, sondern ein Jazzmusiker hat Yojiro Hamasaki auf das Geigenspielen gebracht. Dem Instrument aber nur Töne zu entlocken, reichte dem Japaner nicht – er lernte in Italien die Kunst des Geigenbauens.
05. April 2016, 02:40
MIRJAM BÄCHTOLD

WATTWIL. Als Yojiro Hamasaki sein Jurastudium begann, hatte er fest vor, als Anwalt oder Jurist zu arbeiten. Doch dann kreuzte Stéphane Grappelli seine Pläne. Der berühmte französische Jazzgeiger hatte es Yojiro Hamasaki sofort angetan. Damals spielte der Student in einer Jazzband der Universität Schlagzeug. «Aber als ich Stéphane Grappelli spielen hörte, war es um mich geschehen. Ich musste unbedingt Geige spielen lernen», erinnert sich Yojiro Hamasaki. Die Musik des Franzosen inspirierte den Japaner, und so kaufte er sich eine Geige und nahm ein Jahr lang Unterricht. Danach lernte er als Autodidakt weiter. Er tauschte die Schlagzeugsticks gegen den Geigenbogen und spielte sein Instrument in der Uni-Band.

Reparaturen sind gefragter

Heute arbeitet Yojiro Hamasaki in seinem Atelier in Wattwil an der Ebnaterstrasse und einen halben Tag in St. Gallen. Er repariert vorwiegend die Geigen, Bratschen, Celli und Gitarren seiner Kunden. Neue Instrumente baut er nur noch selten, die Nachfrage ist nicht mehr so gross. «Wenn ich eine neue Geige pro Jahr herstelle, ist das schon viel», sagt er. Rund 250 Arbeitsstunden investiert er in eine Geige. Im Gegensatz zu den flachen Gitarrenböden, die er einfach ausschneiden und abschleifen kann, muss er die gewölbten Geigenböden und -decken aus dem Holz schnitzen. Für die Decke verwendet Yojiro Hamasaki Fichtenholz, Zargen, Rücken und Hals sind aus Ahorn und das dunkle Griffbrett sowie der Kinnhalter aus Ebenholz.

In Italien gelernt

Dass er heute als Geigenbauer und nicht als Anwalt arbeitet, verdankt Yojiro Hamasaki Yuji Miyama, einem Geigenbauer, den er noch während des Studiums in Tokio kennenlernte, als er seine Geige in die Reparatur brachte. Er war beeindruckt, als er die Werkstatt sah, das viele Material, die Instrumente, die Werkzeuge. «Bis dahin wusste ich nicht einmal, dass es diesen Beruf überhaupt gab», sagt Yojiro Hamasaki. Am liebsten hätte er sein Studium auf der Stelle abgebrochen, um bei Yuji Miyama einen Geigenbaukurs zu besuchen. Auf das Anraten seiner Eltern beendete er sein Studium, begann aber gleich danach mit dem Kurs in Miyamas Werkstatt. Er hielt sich mit Gelegenheitsjobs über Wasser und verbrachte jede freie Minute in der Werkstatt. Als sein Meister ihm nichts Neues mehr beibringen konnte, empfahl er seinem Schüler, das Handwerk in Italien richtig zu lernen. Also besuchte Yojiro Hamasaki die Geigenbauschule Antonio Stradivari in Cremona. Die Ausbildung dauert normalerweise fünf Jahre und ist ähnlich aufgebaut wie die Schweizer Berufsausbildung. Yojiro Hamasaki durfte dank seiner Erfahrungen im dritten Schuljahr einsteigen. Vorher musste er aber Italienisch lernen. Er besuchte einen Sprachkurs in Bologna, wo er seine Frau kennenlernte, die aus der Schweiz war. «Gleich an meinem ersten Tag in Europa habe ich meine zukünftige Frau kennengelernt», sagt der Geigenbauer und lacht. Sie war schon vor ihm im Sprachkurs und hatte einen Stammplatz. «Das hatte ich nicht gewusst, und ich setzte mich an ihren Platz. So kamen wir ins Gespräch.» 2006 folgte Yojiro Hamasaki seiner Frau in die Schweiz, wo er sein erlerntes Handwerk ausübte, anfangs noch zu Hause in der Wohnung.

Fukushima nicht vergessen

An einem Sonntag Anfang März hat Yojiro Hamasaki in seinem Wohnort Lichtensteig am Gedenkgottesdienst für die Reaktorkatastrophe in Fukushima mitgewirkt. Obwohl er keine Familie und Bekannten in Fukushima hat – er stammt aus Hiroshima – hat ihn das Atomunglück, das sich vor fünf Jahren ereignete, sehr betroffen gemacht. Als er 2012 Japan besuchte, waren die Folgen des Unglücks auch in Tokio zu spüren. «In der sonst sehr lauten Stadt war es ungewöhnlich still, die Stimmung war auch ein Jahr nach der Katastrophe noch gedämpft. Viele Lichter waren aus, um Strom zu sparen.

Aber bereits ein Jahr später schien alles vergessen: Tokio war wieder laut und hell erleuchtet», erinnert sich Yojiro Hamasaki. Gegen dieses Vergessen will er etwas tun, deshalb hat er in seiner Ansprache in der Kirche an die Vorfälle erinnert und auch daran, dass die Gegend um Fukushima noch lange unbewohnbar sein wird. «Wir sind verantwortlich, etwas gegen das Vergessen zu tun und so weitere Katastrophen zu verhindern.» Der Erlös aus der Kollekte vom Gottesdienst in Lichtensteig wird an einen Fonds gespendet für Waisenkinder aus der Region Fukushima.


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