Mozart-Melodien auf dem Klangweg

ALT ST.JOHANN. Wer dieser Tage auf dem Klangweg zwischen Sellamatt und Iltios unterwegs war, blieb vermutlich erstaunt stehen, als er plötzlich eine klassische Melodie vernahm. Diese kam von einigen jungen Musikantinnen und Musikanten, die im Freien übten, oder drang aus dem Lagerhaus Herrenwald.
22. Juli 2014, 08:25
BEATRICE BOLLHALDER

Ein Dutzend Kinder im Alter zwischen neun und 19 Jahren verbrachte zehn erlebnisreiche Lagertage auf der Alp Sellamatt. Sie bestiegen in dieser Zeit zwei der Churfirsten, nämlich den Hinterrugg sowie den mächtigen Brisi. Ausserdem kochten sie ihr Essen zusammen mit den vier Begleitpersonen jeweils selber. Dies alles wäre wohl kaum eine Zeile wert, wenn nicht die Herkunft und das Metier, in dem sich die jungen Menschen bewegen, speziell wären. Sowohl die Kinder als auch deren Begleitpersonen leben sonst mitten in Berlin, der Hauptstadt Deutschlands. Zudem sind sie der Musik tief verbunden und zwar der klassischen. Es ist also anzunehmen, dass sie in Berlin wohl kaum auf einer Wiese inmitten von Kuhfladen klassische Melodien üben und schon gar nicht konzertieren können. Kaum eines dieser Kinder dürfte vorher – bevor es zum ersten Mal ins Toggenburg gekommen ist – einen Sonnenaufgang so erlebt und schon gar nicht Berge, die über 2000 Meter hoch sind, bestiegen haben.

«Wir wollen hoch hinaus»

Dass das Naturerlebnis mit Musik ganz anders tönt als in einem tristen Übungslokal mitten in Berlin, glaubt man dem Dozenten Philip Douvier sofort. Er hat zusammen mit seiner Frau Christine dieses Erlebnis «Kammermusik-Sommercamp» ins Leben gerufen. Bereits das zweite Mal seien sie heuer ins Toggenburg gereist, um hier die Kinder nicht nur beim Musikmachen zu unterstützen, sondern ihnen auch die Natur näherzubringen. Philip Douvier, der das Toggenburg schon aus der Zeit kennt, als er noch mit seinen Eltern hier die Ferien verbracht hat, ist begeistert von diesem Tal. Frühmorgens geweckt zu werden, um einen grandiosen Sonnenaufgang live miterleben zu können, davon können alle Kinder leicht überzeugt werden, sagt er. Dass etwas später die Wanderschuhe geschnürt werden, um einen der sieben Churfirsten zu erklimmen, brauchte beim einen oder anderen zuerst ein ganz klein wenig Überredungskunst. «Aber wirklich nur wenig, denn meine Schüler wissen, dass unsere Füsse, wenn sie uns durch Berlin tragen können, auch keine Probleme machen, wenn sie uns auf einen Berg bringen sollen», erklärt er. Es sei also lediglich eine Frage des Selbstvertrauens, ob man das schaffen könne. Als Parallele zur Musik nennt er lachend, dass auch hier lediglich ein paar flinke Finger und ein Paar gute Ohren nötig seien, um Musik machen zu können. «Wir wollen in diesem Tagen hoch hinaus… nicht nur musikalisch», ist die Devise der Lagerteilnehmer.

Musikalisch gehören natürlich Beethoven, Telemann oder Mozart auf den Notenständer. In diesem Lager, in dem wie in einer Grossfamilie gelebt wird, ertönen aber auch einmal Schlager aus den Siebzigern. Es sei wichtig, etwas Abwechslung ins Programm zu bringen, ist der Dozent überzeugt. So werde auch im Lagerhaus oder davor geübt – Spaziergänger blieben dann nicht selten auf dem Klangweg stehen und hörten eine Weile zu. So wie am Samstagmittag, als sich die Musikantinnen und Musikanten auf der Wiese aufstellen und «Idas Sommerlied», eine schwedische Weise, anstimmten. «Dieses Stück ist mittlerweile zu unserer Camp-Hymne geworden», hält Philip Douvier lachend fest.

Bei den Bergwanderungen sind die Städter den Murmeltieren so nah wie nie zuvor in ihrem Leben gekommen. Auch Gemsen und Steinböcke – diese aber bisher nur aus der Ferne – haben sie mit eigenen Augen gesehen. Bereits um 8.30 Uhr seien sei jeweils oben auf dem Berg gewesen. Dass die Kinder nun – sofern es das Wetter zulässt – noch zwei weitere Berge besteigen wollen, erstaunt nicht. Und dass sie im Toggenburg mit viel Appetit am Tisch sitzen, könnte mehrere Gründe haben. Zum einen wird hier gemeinsam mit viel Spass gekocht, zum zweiten macht die Landluft hungrig, und drittens sei das Essen hier sehr lecker, wie Douvier schmunzelnd festhält. «Vor allem das St. Galler Brot ist so köstlich», schwärmt er.

Projekt mit Einheimischen

Auch mit dem Lagerhaus Herrenwald habe man einen Volltreffer gelandet. Sogar der Letzte könne nach der Wanderung noch warm duschen. Zudem lasse die moderne Küche keine Wünsche offen. Und natürlich lieben es die Städter, dass sie gleich vor der Haustüre mit der Wanderung beginnen können. Die Einheimischen seien sehr entgegenkommend. Es reiche, per Telefon ins Dorf die Wünsche nach frischen Lebensmitteln zu übermitteln, und man könne diese dann am nächsten Morgen bei der Bergstation der Sellamatt-Bahn abholen.

Ob sie im kommenden Jahr wiederkommen? «Ja, das ist ganz klar». Zwei Wünsche hätte Philip Douvier allerdings noch, nämlich erstens, dass man im kommenden Jahr einmal ein Konzert oder ein Projekt zusammen mit Einheimischen realisieren könnte. Zweitens möchte er sein Lager in Zukunft gern auch für Schweizer Kinder und Jugendliche öffnen.


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