«Socken habe ich noch nie gestrickt»

LICHTENSTEIG. Die Illusion ist perfekt: Die gestrickten Lebensmittel der Wiler Künstlerin Madame Tricot sind phantastisch und gleichzeitig Türöffner in die Kulturgeschichte. Am Samstag war im Toggenburger Museum Vernissage. Ebenso war Startschuss für einen Wurst-Lismi-Wettbewerb.
22. April 2014, 02:35
HANSRUEDI KUGLER

Ein Schweinskopf schaut aus dem Kochtopf, etliche Würste und ein praller Schinken hängen im Rauchabzug, ein saftiges Steak brutzelt in der Pfanne, und im Regal daneben liegen Kartoffeln und einige lokale Käsespezialitäten. Man fühlt sich an den Werbespot erinnert: «Schweizer Fleisch. Der Rest ist Beilage.» Ueli Bräker wäre wohl das Wasser im Mund zusammengelaufen, sähe er diese üppige «Metzgete» in der Küche des Toggenburger Museums. Denn die ärmeren Schichten haben sich zu seiner Zeit vor allem von Hafermus ernährt. Doch so appetitlich die Würste und die heimischen Käse wie der Mühlistei auch aussehen – essen kann man sie nicht. Denn es sind Kunstwerke und unverkäufliche Unikate. Gestrickt (oder wie man hier sagt «glismet») hat sie die Wiler Künstlerin Madame Tricot. Mit bürgerlichem Namen heisst sie Dominique Kähler Schweizer, sie war mit ihrer Lismi-Kunst schon im Schweizer Fernsehen bei «Aeschbacher» und zeigte ihre gestrickten Würste auch im Mühlerama in Zürich.

Pariserin in der Ostschweiz

Dort sah auch Christelle Wick, Kuratorin des Toggenburger Museums, die gestrickten Lebensmittel. «Die Objekte zogen mich sofort in Bann», sagt sie, die nach der ersten «Kunst trifft Museum»-Aktion 2013 nach einer weiteren Kunstintervention in der Dauerausstellung Ausschau hielt. Die Zusage kam postwendend, «auch weil mein Mann Toggenburger ist, seit 400 Jahren ohne fremdes Blut», lacht die Künstlerin. Neben den Objekten aus ihrer gestrickten «Metzgerei» kreierte Madame Tricot für die Installation in Lichtensteig einige lokale Käsespezialitäten: den Blauschimmelkäse und den Mühlistei von Willi Schmid, aber auch Bloderkäse. Alle drei hat sie selbstverständlich vorher gekostet. Mehr Aufsehen als die Käse erregen allerdings die Würste und die Fleischwaren. Es ist eine Metzgete: Vom Schweinskopf über Herz, Schinken bis zum Wädli wird alles verwendet. Letzteres auf französische Art: paniert und frittiert. «Wenn man schon Fleisch isst, soll man das ganze Tier essen», sagt die Künstlerin, die in einer Designerfamilie in Paris aufwuchs, später Medizin studierte und seit 40 Jahren in der Ostschweiz lebt.

«Picasso erklärt man auch nicht»

Als dann die Journalistin Katja Nideröst die Idee für eine Mitmach-Aktion hatte und dafür von Madame Tricot eine Strickanleitung anforderte, war diese im ersten Moment beleidigt: «Ich bin Künstlerin. Da erklärt man doch nicht, wie man es gemacht hat, damit es alle nachahmen. Picasso hat das auch nicht gemacht.» Aber die Mitmach-Idee habe sie schliesslich begeistert: «<Jeder Mensch ist ein Künstler>, sagte bereits Joseph Beuys. Ich stricke für die Seele und für die Kunst. Socken habe ich noch nie gestrickt», sagt Dominique Kähler Schweizer. Und das Echo auf die Mitmach-Aktion habe sie begeistert. So hat etwa das Altersheim Tobel mit Seniorinnen einen ganzen Wurstkorb ins Museum gebracht, auch als Teil der Biographiearbeit, sagt Aktivierungsfachfrau Denise Schmid.

Türöffnerin zur Kulturgeschichte

Die Kunstinstallation im Toggenburger Museum wirkt für sich schon phantastisch, illusionistisch und im wahrsten Sinne köstlich. Weil sie in die Dauerausstellung eingebettet ist, kann sie aber auch als spielerische Türöffnerin in die Kulturgeschichte wirken. 200 Jahre alt ist die Küche im Toggenburger Museum. Es ist die originale Küche, die um 1803 in das neuerstellte Haus des Tuchhändlers Lorenz eingebaut worden ist. Bruno Wickli, Historiker und Präsident der Museumskommission, stellte an der Vernissage die Wurst denn auch in einen historischen Kontext. Im 19. Jahrhundert seien Würste ein Arme-Leute-Essen gewesen. Heute noch sagt man zum Cervelat gelegentlich leicht abschätzig «Kotelett des armen Mannes». Bemerkenswert ist aber, dass Würste in Europa regionale Identitäten wesentlich mitprägen – das leuchtet nicht nur in St. Gallen sofort ein. Man denke nur an die Waadtländer Saucisson oder die bayrische Weisswurst. Das deutsche Wort «Wurst» habe indogermanischen Ursprung und bedeute so viel wie «drehen», was mit dem Vermantschen der Wurstmasse in Zusammenhang stehe, erklärte Bruno Wickli. Im Englischen und Französischen hingegen habe der Begriff «sausage» oder «saucisse» mit Salz zu tun, das für deren Herstellung wichtig ist. Schon die alten Griechen und Römer assen Würste, und bei den Römern sei besonders eine Hirnwurst als Delikatesse beliebt gewesen. Die St. Galler Bratwurst ist seit 1438 urkundlich belegt. Im Toggenburg hingegen habe es lange Zeit kaum Metzgereien gegeben. Um 1400 wurde zwar auf dem Lichtensteiger Markt Fleisch gehandelt, aber vor Ort gab es keine Metzgerzunft – das Fleisch war beweglich und das Vieh ging «zu Fuss» weiter weg, teilweise bis nach St. Gallen zum Metzger. Die Schweine schlachtete man auf dem eigenen Bauernhof. Aber gegessen hat man Fleisch selten, und die ärmeren Schichten ernährten sich vorwiegend von Haferbrei. Im Gegensatz zu vielen heutigen Zeitgenossen hielt man früher Fleischessen für besonders gesund: Die roten Backen der Metzger seien der beste Beweis dafür, könne man in mancher Quelle nachlesen.

Toggenburger Museum, bis 26. Oktober, jeweils Sa und So 13–17 Uhr.

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