Suppen aus Moos und Gras

«Z‘Esse gits nur gsottes Gräs» – unter diesem Titel zeigt das Toggenburger Museum eine Ausstellung zur Hungersnot. Man ass vor 200 Jahren alles, was irgendwie geniessbar war. Auch Grünzeug, das bis dahin nicht als essbar galt, etwa Moos.
03. September 2016, 02:50
MICHAEL HUG

LICHTENSTEIG. «Oft zählte man in einer einzigen Wiese, zur gleichen Stunde, 30 bis 40 Menschen, die unter dem Vieh ihre Nahrung aufsuchten.» Diese Bildlegende stand in den letzten Wochen in mancher Zeitung unter dem Bild einer Gedenktafel aus dem vorletzten Jahrhundert. Die Tafel zeigt weidendes Vieh, dazwischen Menschen, die es – angeblich – den Kühen gleichtun, sie essen Gras. Bis es so weit kommen konnte, musste arger Hunger geherrscht haben im Land im Jahr 1816. Dass es so war, ist unbestritten, ob die Menschen tatsächlich «ins Gras bissen», mag eine Legende sein.

Besonders von der Not betroffen

Tatsächlich aber assen Toggenburgerinnen und Toggenburger – die Region war aufgrund des Zusammenkommens mehrerer ungünstiger ökonomischer, landwirtschaftlicher und sozialer Umstände besonders von der Hungersnot betroffen – alles, was irgendwie ess-, wenn auch nicht immer geniessbar war. Darunter Kräuter, die man bis anhin nicht als essbar beurteilte. Zum Beispiel irisches Moos und junger Löwenzahn sowie Schnecken und andere Kleintiere aus der Natur. Unter den Zutaten war auch Gras und Heu, doch verstand man es, diese Ingredienzen entsprechend aufzubereiten, sprich zu kochen, auch unter Anwendung des 1674 erfundenen «Papin'schen Topfes», heute Dampfkochtopf benannt.

Der Papin'sche Topf

Ein Original des Papin'schen Topfes, gebaut vom Toggenburger Konstrukteur Paul Huber in der Mitte des 19. Jahrhunderts, ist in der eben eröffneten Sonderausstellung im Toggenburger Museum zu sehen. Dazu hat Kuratorin Christelle Wick nach Rezepten recherchiert und auch gefunden. Damit die Menschen in ihrer Hoffnungslosigkeit sich nicht einfach auf alles Essbare stürzten und womöglich noch roh hinunter schlangen, gab es damals schon Rezeptkreateure, Ärzte oder Hilfsgesellschaften, die Suppen und Breis aus einfachen und in der Region vorhandenen Zutaten zusammenstellten. Sind die gezeigten Rezepte zwar nicht zum Nachkochen gedacht, so doch zum Nachdenken.

Hungertafeln als Mahnung

Zum Nachdenken, sich stets wieder vor Augen zu führen, dass es eben auch schlechter gehen könnte und man ein gehörig Mass an Dankbarkeit nicht vermissen sollte, dafür waren die Gedenktafeln gedacht. Künstler, Mahner, Pfarrer und sonstige Autoren, darunter der Ebersoler Fuhrmann Ulrich Moosmann, schufen in den Jahren nach der Hungersnot sogenannte Hungertafeln mit akribischen und zuweilen drastischen Beschreibungen zu Szenen und Fakten während des Hungerjahres 1816: «Jesus Christes hat viel Waffen, Sünd und Ungerechtigkeit zu strafen, Krieg und Hunger – Pest und Seuchen, können ja gar schnell einschleicken, alle Armen wie auch Reiche, solchen Plagen nicht können entweichen; nur du, o getreuer Gott, kannst von uns wenden alle Noth, so wollen wir mit stetem Vertrauen, deiner Hülf entgegenschauen.»

Die Ausstellung «Z‘Esse gits nur gsottes Gräs» ist bis 30. Oktober und ab April 2017 im Keller des Toggenburger Museums in Lichtensteig zu sehen. Geöffnet ist das Museum jeden Samstag und Sonntag von 13 bis 17 Uhr; Führungen am Sonntag, 25. September, und Sonntag, 30. Oktober, je 14.00 Uhr. www.toggenburgermuseum.ch

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