Von Totenwalzern und toten Geigern

LICHTENSTEIG. Der Spielmann ist im Dorf! Es ist kein verfrühter Aprilscherz – im Chössi lebte diese längst verschwundene Tradition für drei Stunden wieder auf. «Giigemaa» Matthias Lincke war am Samstagabend zu Gast in Lichtensteig.
30. März 2010, 07:46
Michael Hug

Der Geigenmann ist im Dorf. Die Leute laufen zusammen, lauschen seinen Klängen und Geschichten. So war das früher im Mittelalter und auch später, als es noch keine Plattenspieler gab oder Radios. Da liess man sich vom Spielmann und seinen Musikantenkollegen zum Tanz aufspielen, wenn ein Fest stattfand. Üblicherweise wurde dabei die Besetzung dem jeweiligen Anlass und den verfügbaren Instrumentalisten angepasst. Ein Geiger war aber immer dabei.

Einen kleinen Rest dieses besonderen Flairs brachte Matthias Lincke und seine Musikantenkollegen Töbi Tobler, Dide Marfurt und Ferdinand Rauber am Samstagabend ins Chössi-Theater.

Zufällige Zusammensetzung

Die vier Ostschweizer fanden mehr oder weniger zufällig zusammen, waren sich aber nicht unbekannt. Auch früher kannten sich die Musikanten von zufälligen Begegnungen bei Festen und Märkten, an denen man zusammen aufspielte und danach wieder getrennte Wege ging.

Tobler, Lincke, Rauber und Marfurt spielten in unterschiedlichster Weise schon zusammen, die Zusammensetzung und das Programm aber waren diesmal neu und einmalig. «Es ist Premiere und Dernière gleichzeitig», meinte Rauber vor dem Konzert. Aber ein zufälliges Durcheinander von alten und neuen Melodien wollte man dem Publikum natürlich nicht zumuten, also hatte man das Programm vorgängig geprobt.

Walzer und Schauergeschichten

Und so spielten die vier Musiker uralte Appenzeller Tänze, welsche Geigenlieder und himmeltraurige Totenwalzer. Zwischendurch erzählte Lincke Schauergeschichten aus dem Toggenburg (siehe Kasten). Wohl hatten die Spielmänner der früheren Zeit keine Didgeridoos – Rauber aber hatte eins und mochte darauf nicht verzichten.

Seine Improvisation mit dem bemerkenswerten Titel «Zwinglis Didge» und dem Untertitel «Evangelische Sackpfeifensuite» sagt einiges über das ungewöhnliche Konzert. Ein bisschen Ironie sollte nämlich auch dabei sein.

Gelegentlich Überlängen

Wenn auch gewisse Stücke etwas gar lang gerieten, so war doch immer viel Spielwitz und in den meditativen Improvisationen auch etwas vom modernen Geist der Musik zu spüren.

Doch über allem schwebte unaufdringlich aber bestimmt immer wieder das gefühlvolle Geigenspiel des «Giigemaa» Matthias Lincke, der dem Konzert Thema und Boden gab.

Der 36jährige Lincke ist im Übrigen fast ein Einheimischer: Geboren ist er in Salzburg, aufgewachsen in Schwellbrunn und St. Gallen. Seit 15 Jahren ist er als Geiger, Sänger, Gitarrist und Komponist/Texter auf dem Gebiet traditioneller und experimenteller Musik tätig.


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