Wie wir uns an die Hungersnot erinnern

LICHTENSTEIG ⋅ Vor 200 Jahren fordert die letzte Hungersnot im Toggenburg besonders viele Opfer. Die Überlebenden hinterlassen der Nachwelt zahlreiche Zeugnisse, die im Toggenburger Museum zu sehen sind.
28. März 2017, 05:38
Christelle Wick

Christelle Wick

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In den Jahren 1816 und 1817 spielt das Wetter verrückt. Es ist kalt und regnet andauernd, die Ernte fällt ins Wasser. Der Ebnater Färber Gerig wird später in seinen Lebenserinnerungen schreiben, es habe im Sommer derart heftig geschneit, dass man die Heuschober unter der Schneedecke suchen musste. Was die Zeitgenossen nicht wissen: Verursacht wurde die Hungersnot ein Jahr zuvor durch den Ausbruch des indonesischen Vulkans Tambora. Bei dem grössten Vulkanausbruch seit Menschengedenken gelangen kleinste Partikel in die Atmosphäre. Sie verteilen sich über den Globus und reflektieren das Sonnenlicht, so dass die Erdoberfläche abkühlt. Unwissentlich und gottesfürchtig suchen die Zeitgenossen jedoch die Schuld in sündiger Lebensführung.

Sintflutartiger Regen

Aufgrund seiner bergigen Lage ist der Alpenraum von Kälte und Regen besonders betroffen. Auch in Süddeutschland regnet es. Als 1818 die Hungersnot endlich überwunden ist, verspüren viele Zeitzeugen das Bedürfnis, die Erinnerung an die Schreckenszeit schriftlich und bildlich festzuhalten. So werden in Nürnberg massenweise Schraubentaler produziert, in deren Innern runde, farbige Bildchen und Texte zur Hungersnot zum Vorschein kommen. Eines zeigt apokalyptische Stimmung: Eine verzweifelte Familie muss zuschauen, wie ihr ganzes Haus vom Wasser weggespült wird und das Vieh im Wasser ertrinkt. Naht der Weltuntergang?

In den früh industrialisierten Gebieten der Schweiz wie im Toggenburg, im Zürcher Oberland, den Kantonen Appenzell Ausserrhoden und Glarus leben Textilarbeiter ohne Land und Boden. In guten Zeiten verkaufen sie ihre gewobenen Baumwolltücher teuer und erwerben dafür billiges Getreide aus Bayern und Württemberg. Bei Ernteausfällen sind sie aber ganz vom Importgetreide und den hohen Preisen abhängig. Viele Andenken zeigen denn die Höchstpreise von Lebensmitteln während der Hungersnot. So wurde in Zürich ein Zinntaler mit dem Grossmünster, Fraumünster und der St.-PeterKirche geprägt, umgeben von Papierchen in Form von Blütenblättern mit aufgedruckten Lebensmittelpreisen.

Massenhaft hängen in den Ostschweizer Bauernstuben sogenannte Hungertäfeli. Laien kopieren die immer gleichen Texte, damit die Überlebenden ihren Kindern und Kindeskindern die schreckliche Not vor Augen führen können. Als besonders fleissiger Kopist gilt Josabe Zuberbühler aus Urnäsch. Trotz Übung hat er stets Mühe, den ganzen Text aufs Blatt zu kriegen, ersichtlich an der immer kleiner werdenden Schrift. Für leseunkundiges Publikum, und wohl auch um einen bleibenden Eindruck zu hinterlassen, bebildert er seine Texte mit Szenen wie jener einer Bettlerjagd.

Die Hungersnot gerät in Vergessenheit

Im Laufe des 19. Jahrhunderts verlieren die Hungerandenken an Bedeutung. «Es ist endlich Zeit, dass wir dieses traurige Denkmal von der Wand nehmen», sagt ein Protagonist in Gottfried Kellers 1854/55 erschienenem Roman «Der Grüne Heinrich» und meint damit die «vergilbte und verdorbene Gedächtnistafel der Teuerung von 1817». Im Schutze historischer Museen haben sie überlebt und stellen heute ein wichtiges Zeugnis dar, um die damalige Mentalität zu verstehen. Mit Gottesfurcht und Ergebenheit reagierten die Betroffenen. Der Nachweis, dass nicht Gott den Hunger geschickt, sondern ein Vulkanausbruch ihn verursacht hat, gelang aber erst vor hundert Jahren.

www.toggenburgermuseum.ch


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