«Z'esse git's nur gsottes Gräs»

25. August 2016, 02:40
CHRISTELLE WICK*

LICHTENSTEIG. Kein Gebiet des Kantons St. Gallen beklagte derart viele Tote wie das Toggenburg: «Es ist ein höchst wehmütiger, trauriger Anblick, zuweilen eine Reihe Särge am Eingang des Friedhofs zu erblicken, um welche trauernde Verwandte mit abgezehrten, bleichen Gesichtern oder aufgeschwollenen Leibern in schwarzer Reihe stehen.» Mit diesen Worten beginnt die Lebensgeschichte des Toggenburger Buben Rudeli, die in der Ausstellung im Toggenburger Museum nacherzählt wird. Sie erzählt vom Überlebenskampf eines tapferen zwölfjährigen Jungen.

Die Totenglocke ruft

Fast täglich ertönt der Schall der Totenglocken. Denn Rudelis Nahrung besteht aus gesottenen Knochen und Wiesenkräutern. Er glaubt, bald selbst an der Reihe zu sein. Deshalb flüchtet er ins oberste Toggenburg und schlägt sich von dort alleine bis nach Tübingen durch. Denn aus der Kornkammer Süddeutschlands stammt in Normaljahren das Getreide für die Toggenburger Textilarbeiter. Selten wird Verhungern als Todesursache genannt. Wie auch Rudelis Vater, sterben die meisten an den Folgen einer Krankheit. Gemäss Ruprecht Zollikofer, zeitgenössischer Pfarrer und Autor, verzeichnet der Bezirk Untertoggenburg mit 8,3 Prozent am meisten Tote, gefolgt von den Bezirken Obertoggenburg und Rheintal. Im reichen Marktstädtchen Lichtensteig stirbt aber während diesen Zeiten nur gerade jeder 40. Bewohner, während Libingen mit jedem sechsten Bewohner absoluter «Spitzenreiter» ist. «Suppenportion in Hungerjahren» steht auf einem unscheinbaren Holzgefäss aus Libingen. Wer hungerte, erhielt von der Hilfsgesellschaft Untertoggenburg eine Ration Rumford-Suppe.

Erlösung von dem Übel

Bereits 1804 publiziert das Amtsblatt das Rezept des Grafen von Rumford aus der Suppenanstalt München. Welche freudigen Gedanken die hungrigen Libinger beim Anblick des vollen Kübels beflügelte, lässt sich nur erahnen. Denn die weitere Inschrift «Erlöse uns von dem Übel» ist doppeldeutig zu verstehen: Nicht nur hoffte man auf baldiges Ende der Not. Manch einer, der grausam an Hunger litt, hoffte auf baldige Erlösung von den Qualen.

*Christelle Wick ist Kuratorin des Toggenburger Museums, Lichtensteig.


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