Als die Hungersnot Schicksal spielte

LICHTENSTEIG ⋅ Früher wie heute: Wenn Hungersnot herrscht, müssen sich Kinder häufig ohne Eltern durchbringen. Das Toggenburger Museum erzählt vom Überlebenskampf des tapferen Jungen Rudeli in den Jahren 1816/17.
19. September 2017, 07:28
Christelle Wick

Christelle Wick

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Nachzulesen ist die gekürzte Geschichte auf 14 Holzbrettchen um einen stilisierten Armentisch. Wer die Brettchen hebt, findet in den Vertiefungen Überraschendes aus der Museumssammlung. Ein Aderlassgerät zum Beispiel steht für das damalige medizinische Wissen, die Ansicht einer verlotterten Hütte für die verbreitete Armut. Sie zeigt das Geburtshaus des berühmten Musikinstrumentenbauers Ulrich Ammann im Jahre 1814.

Winzige Broschüre aus der Museumsbibliothek

Eine kleine Druckschrift von 1825 berichtet über den Überlebenskampf eines Toggenburger Jungen. In einer zeit- genössischen, pädagogischen Zeitschrift wird sie als von Kindern gern gelesene Schrift angepriesen. Der Protagonist Rudeli bleibt zum Schutze der Privatsphäre anonym. Die Lesenden erfahren nur, dass er in einer ärmlichen, mit grossen Steinen belasteten Hütte in einer weitläufigen Toggenburger Gemeinde aufwächst. Eigenes Land besitzt die Familie keines. Bereits vor der Hungersnot kämpfen viele Familien ums tägliche Überleben. Zwar arbeiten Rudelis Eltern fleissig, bringen es aber mit ihren elf Kindern auf keinen grünen Zweig.

Ein Büchlein mit erhobenem Zeigefinger

Als 1816 das Essen karger wird, reisst Rudeli von zu Hause aus. Er bettelt sich durch bis nach Süddeutschland, wo ihn Polizisten verprügeln und verjagen. In Tübingen findet er Hilfe bei Schweizer Theologiestudenten und kehrt wieder ins Toggenburg heim. Herzzerreissend ist das Wiedersehen mit der Mutter; der Vater aber sei geschwächt von Hunger und Ausgezehrtheit am Nervenfieber verstorben. Das Heftchen sei für alle gedacht, «die gern etwas Lehrreiches und Nützliches lesen wollen». Die Schrift richtet sich vor allem an die pflichtvergessene Jugend und ist voll von moralischen Winken: Auch der Toggenburger Rudeli erkennt im Verlaufe seiner Wanderschaft in der Ferne den Fehltritt gegenüber seinen Eltern. Dank Ehrlichkeit und Fleiss meinte es das Leben wenigstens mit ihm gut:

Nachdem die Hungersnot vorüber ist, darf Rudeli ein Handwerk lernen und zieht erneut in die weite Welt hinaus.


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