Die derzeit einzige Frauenärztin im Toggenburg erzählt aus ihrem Alltag

WATTWIL ⋅ Im Toggenburg praktiziert derzeit eine einzige Frauenärztin: Sabine Helbling-Kreutzberger. Aber bald können durch Erweiterung des Ärzteteams mehr Sprechstundenzeiten angeboten werden.
11. August 2017, 13:04
Sieben Gynäkologen auf 35'267 Frauen: So titelte der «Rheintaler» kürzlich. Für Frauen werde es immer schwieriger, eine Frauenärztin oder einen Frauenarzt zu finden. Ein Gynäkologe komme im Rheintal auf 5'083 Frauen. Die Wartezeiten für Vorsorgetermine, welche Frauenärzte einmal jährlich empfehlen, dauern im Rheintal mehrere Monate.
 

Der Bedarf stieg immer weiter

Im Toggenburg ist die Suche nach einer Gynäkologin nicht schwer, die Liste der Ergebnisse aber sehr kurz. Es gibt im Thur- und Neckertal nur noch Sabine Helbling-Kreutzberger. Eine Frauenärztin für 22'650 Frauen im Toggenburg. Sie trat vor zehn Jahren die Nachfolge von Adalbert Schmid an. «Was er geleistet hat, ist ihm hoch anzurechnen», sagt die Gynäkologin. Er sei ein hervorragender Arzt und Mensch und fast Tag und Nacht für die Frauen im Toggenburg im Dienst gewesen. Schon fünf Jahre nachdem sie die Praxis von ihm übernommen habe, sei ihr klar geworden, dass sie das Angebot ausbauen muss, wonach sie in grössere Räumlichkeiten im «Casablanca» umzog.

Auf den Artikel im «Rheintaler» reagierte innert weniger Stunden auch eine Toggenburgerin via Twitter: «Die gleiche Situation herrscht auch im Toggenburg. Im April nach einem Termin gefragt und für Juli einen erhalten.» Sabine Helbling-Kreutzberger weiss, dass die Lage momentan nicht befriedigend ist. «Als wir noch zu zweit in der Praxis waren, hielten sich die Wartezeiten für Vorsorgetermine noch in Grenzen.» Jetzt, wo sie nach der Kündigung von Uta Menzel alleine – mit einer Kollegin in Teilzeitanstellung – praktiziert, dauert es tatsächlich zwei bis drei Monate, bis sie Vorsorgekontrollen durchführen kann. Aber: «Notfälle nehme ich jederzeit an. Auch wenn sich dann mein Feierabend hinauszögert.» Ausserdem ist die Gynäkologin gut mit den umliegenden Frauenkliniken vernetzt, wenn tatsächlich einmal der Fall eintreten sollte, dass sie einen Notfall nicht annehmen kann.

Wenn man die Gesamtzahl der Frauen im Toggenburg in die Altersklasse eingrenzt, welche regelmässig die Gynäkologin oder den Gynäkologen aufsuchen, kommt man auf knapp 20'000 Frauen. «Meine jüngsten Patientinnen sind Teenager und meine älteste Patientin ist tatsächlich schon über 90», sagt die Frauenärztin und schmunzelt. «Diese Zahl muss man aber in Relation setzen», fährt Sabine Helbling-Kreutzberger fort. Denn sie behandle nicht alle Frauen im Wahlkreis Toggenburg. «Viele Frauen gehen mit ihren Anliegen in die umliegenden Frauenkliniken in Wil, Herisau, Uznach und Grabs.» Dafür kommen bei ihr auch Frauen dazu, die aus dem Toggenburg weggezogen sind und auch Patientinnen aus dem Linthgebiet. Am Spital Linth arbeitet Sabine Helbling-Kreutzberger ebenfalls eineinhalb Tage die Woche. In ihrer Praxis in Wattwil ist sie also nur während der restlichen dreieinhalb Tage und diese sind voll mit Sprechstundenterminen. «Die Frauen schätzen es, dass ich sie dank meinem Pensum am Spital Linth vollumfänglich betreuen kann.» Doch momentan sei es wirklich schwierig. Überzeiten liegen fast an der Tagesordnung. «Ich habe eine Anfrage beim Kanton eingereicht, um die Stelle von Uta Menzel wieder neu zu besetzen.»
 

Die Toggenburgerinnen können bald aufatmen

Dem Antrag wurde zugestimmt. Der Bedarf wurde erkannt. Und dies, obwohl auch der Kanton St. Gallen einen Zulassungsstopp erlassen hat, damit sich in der Schweiz nicht zu viele Spezialärzte niederlassen. «Dieser Stopp stützt sich auf die Empfehlungen des Bundes», sagte Kantonsärztin Danuta Reinholz gegenüber dem Rheintaler. So empfiehlt der Bund bei Gynäkologen 12,8 Ärzte pro 100'000 Einwohner. Im Kanton St.Gallen wären es somit 62 Ärzte. «Registriert sind aber 85. Die meisten in grösseren Städten.» Diese Fachärzte fehlen auf dem Land. 250 Stellenprozente wären also nötig, um der Empfehlung des Bundes über die Anzahl an Gynäkologen im Toggenburg nachzukommen. «Es ist halt schon so, dass es für viele Fachärzte nicht besonders reizvoll ist, sich im ländlichen Gebiet niederzulassen», sagt Sabine Helbling-Kreutzberger. Derselben Meinung ist auch die Kantonsärztin: «Wir haben auf dem Land sowohl einen Ärztemangel als auch die Tatsache, dass es für junge Ärzte weniger spannend ist, in ländliche Gebiete zu ziehen».

Dennoch hat Sabine Helbling-Kreutzberger zwei neue Kolleginnen gefunden, die das Pensum in der Praxis Casablanca voraussichtlich um 130 Prozent aufstocken werden. Die Patientinnen können also aufatmen. Und auch Sabine Helbling-Kreutzberger sagt: «Alleine schaffe ich es nicht. Trotzdem ist die Praxis von Montag bis Freitag immer offen. Ich denke zudem darüber nach, künftig auch samstags Sprechstunden anzubieten.» Noch wurde es ihr, die selber auch Mutter ist, aber nicht zu viel. «Sonst wäre ich nicht Frauenärztin geworden.Das ist mein Traumberuf. Für mich ist die Arbeit als Arzt nicht nur ein Beruf, sondern eine Berufung.» Denn viel Arbeit sei in diesem Job inbegriffen, wenn man ihn mit Leidenschaft ausführe.

Anmerkung der Redaktion: Nach der Veröffentlichung des obenstehenden Artikels hat sich die Spitalregion Fürstenland Toggenburg (SRFT) beim "Toggenburger Tagblatt" gemeldet. Die Verantwortlichen legen Wert auf die Präzisierung, dass neben dem selbständigen Angebot von Sabine Helbling-Kreutzberger auch am Spital Wattwil gynäkologische Sprechstunden angeboten werden - dies durch Frank Liedke jeweils am Dienstagvormittag oder nach Vereinbarung. Er ist Chefarzt der Klinik für Gynäkologie und Geburtshilfe in Wil.
 

Auch keine Kinderärzte im Toggenburg

Im Thur- und Neckertal gibt es nicht nur einen Mangel an Gynäkologen. Wie unsere Zeitung bereits im September berichtete, praktizieren im Toggenburg keinerlei Kinderärzte. Und die umliegenden Kinderarztpraxen in Herisau, Wil und Buchs sind voll. Auch für das Ärztehaus, welches in Mosnang bereits seit 2014 im Gespräch ist, finden sich keine Interessenten. Weder neue Hausärzte noch Fachärzte scheinen daran interessiert zu sein, sich im ländlichen Gebiet niederzulassen. Amtsarzt Daniel Nützi aus Lichtensteig ist sich der Lage bewusst, wie er vergangenes Jahr zu dieser Zeitung sagte. Auch Hausärzte, die bald pensioniert würden, hätten grosse Mühe damit, einen Nachfolger zu finden. Die Zukunft sieht er deshalb in Ärztehäusern. Wie das Beispiel aus Mosnang zeigt, ist die Realisierung solcher Gemeinschaftspraxen aber alles andere als einfach. (masi)


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