«Der fürchterlichen Scenen sah ich hundert»

TOGGENBURG ⋅ Selbstlos hilft der St. Galler Pfarrer Peter Scheitlin während der Hungersnot 1816/1817 den Bedürftigen, auch denjenigen aus dem Toggenburg und dem Appenzellerland. Kaum ist die Not vorüber, publiziert er 1820 seine Erlebnisse.
18. Oktober 2017, 05:21
Christelle Wick

«Meine Armenreisen in den Kanton Glarus und die Umgebung der Stadt St. Gallen in den Jahren 1816 und 1817 strotzen von Schreckensszenen», steht in Peter Scheitlins Erlebnissen niedergeschrieben. Nachdem einige reiche St. Galler Stadtbürger dem Pfarrer Peter Scheitlin nach einer ergreifenden Predigt Geld für die Ärmsten gespendet haben, geht er auch im Appenzeller Hinterland von Tür zu Tür und bringt den Hungernden Essen und Trost. Er begegnet ihnen respektvoll, denn viele schämen sich für ihre Not. Einleuchtend simpel beschreibt der Gelehrte, dass er «kaum eine grössere Freude hatte, als wenn ich Arme sich übers Brot freuen sah».

Auf Hausbesuch bei den Ärmsten

Oft bietet sich ein Bild des Grauens, wenn er ein Haus betritt: «In einer Wiege lag ein neugeborenes Kind, von einem Leichnam erzeugt, und von einem Leichnam als Leichnam geboren.» Nur Haut über den Knochen. Wer trotz Hunger noch laufen kann, macht sich frühmorgens auf und geht in die St. Gallen hinunter betteln. Alte und Kranke bleiben oft dem Tod ausgesetzt zurück. Ihnen reicht Peter Scheitlin oft unter Freudentränen Brote.

Peter Scheitlin ist nicht der einzige barmherzige Helfer. Auch der reformierte St. Galler Pfarrer Ruprecht Zollikofer publiziert nach der Not ein «Denkmal zur Schreckensepoche» unter dem Titel «Der Osten meines Vaterlandes oder die Kantone St. Gallen und Appenzell im Hungerjahre 1817». So schreibt er: «Der fürchterlichen Scenen sah ich hundert und hunderte; meine Seele entsetzt sich in ihrer Rückerinnerung; ich vermag sie nicht alle aufzuzählen und viel weniger noch dieselben gelassen zu schildern; kein noch so schauerliches Gemälde würde sie erreichen ...». Auch die heutigen Leser werden durch seine Schilderungen noch verstört in den Bann gezogen.

Bürger gründen Hilfsgesellschaften

Beiden gemeinsam ist, dass sie reformierte Pfarrer und Mitglieder der St. Galler Hilfsgesellschaft sind. Diese formiert sich bereits um 1800 mit dem Ziel, verarmten Familien während der kriegsbedingten Teuerung zu helfen. Bei Ausbruch der Hungersnot 1816 sind es nun wieder dieselben politisch einflussreichen Bürger, die Hilfsaktionen auf die Beine stellen. Denn dem jungen Kanton St. Gallen fehlt eine funktionierende Armenfürsorge. In der Krise fördert die Regierung die Gründung von Hilfsgesellschaften nach städtischem Vorbild in allen Bezirken, so auch im Ober- und Untertoggenburg. Die Hilfsgesellschaften verfolgen drei Ziele: Nothilfe, Arbeitspflicht und Repression. Ihre Hauptaufgabe besteht in der Ausgabe einer Armensuppe in den einzelnen Gemeinden. Wer weder alt noch krank ist, soll zur Arbeit erzogen werden. Unkooperative Arme und Wirtshäusler verlieren ihre Unterstützung. Armen aus anderen Gemeinden wird die Hilfe verweigert und das Verteilen von Almosen strikt untersagt. So soll das Bettelwesen ausgemerzt werden. In der heutigen Sozialhilfe spiegeln sich noch viele dieser Ideen.

Christelle Wick

redaktion@toggenburgmedien.ch


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