Die Staumauer soll verschwinden

WATTWIL ⋅ Die Gemeinde will den Rest der Staumauer im Hagtobelbach abbrechen, da diese nicht mehr benötigt wird. Zudem ist das Staubecken weitgehend verlandet. Früher diente die Staumauer drei Gewerbebetrieben.
12. August 2017, 08:10
Martin Knoepfel

Die Gemeinde Wattwil will die kleine Staumauer am Hagtobelbach, die ungefähr auf der Höhe – oder besser in der Tiefe – der Burg Iberg liegt, abbrechen. Das konnte man den Bauanzeigen der Gemeinde Wattwil entnehmen. Die Auflage des Baugesuchs und die Einsprachefrist endeten am letzten Dienstag. Das Land, auf dem die Staumauer steht, gehört dem früheren Kloster Maria der Engel.
 

Material der Staumauer soll an Ort und Stelle bleiben

Der Abbruch soll durch eine oder mehrere Sprengungen erfolgen. Das Material, aus dem die Mauer bestehe, solle an Ort und Stelle bleiben, denn die Staumauer sei mit Material aus dem Tobel erstellt worden. Die Stauanlage werde nicht mehr benötigt, heisst es weiter im Baugesuch.

Das Becken hinter der Staumauer ist heute teilweise verlandet. An einigen Stellen etwas unterhalb der Staumauer sieht man noch die Spuren der Druckleitung, die von der Staumauer talabwärts führt. Um für die Baumaschinen eine Zufahrt zu den Überresten der Staumauer zu ermöglich, muss laut Baugesuch erst ein Forstweg erstellt werden, der von der Hagtobelstrasse abzweigen wird.
 

Im Hagtobel fand man versteinerte Palmblätter

Das Hagtobel ist heute teilweise ein Geotop- und ein Waldschutzgebiet. Dem Buch «Wattwil – Zentrumsgemeinde im Toggenburg» von 1997 kann man entnehmen, dass im Hagtobel versteinerte Blätter von Palmen und sogar kleine Kohlevorkommen gefunden worden sind. Sie stammen aus einer Zeit, als die Temperaturen in Wattwil im Jahresmittel sechs bis zehn Grad höher waren als heute und ein subtropisches Klima herrschte.

Das Hagtobel ist eine Idylle. Moosige Stämme und Äste liegen quer über dem Bachlauf. Der Wald ist offensichtlich seit längerem nicht mehr bewirtschaftet worden. Am linken Ufer des Hagtobelbachs erheben sich senkrechte Felsen.
 

Früher Teile der Mauer zurückgebaut

Der Wattwiler Markus Aepli betreibt ein Rahmenatelier im Haus Steig 40. Sein Haus sei mehr als 200 Jahre alt. Es sei eine der drei Liegenschaften, die einen engen Zusammenhang mit der abzubrechenden Staumauer hätten, sagt er. Zu den Liegenschaften zählt erstens die ehemalige Drechslerei Brägger. Das sind drei Häuser mit den Nummern 42,44 und 46. Die Drechslerei beschäftigte sechs Mitarbeiter.

Neben der Liegenschaft Aepli mit der Adresse Steig 40 hat auch die Liegenschaft der ehemaligen Sägerei Heeb mit der Adresse Steig 35 einen Zusammenhang mit der Staumauer. «Die Staumauer war einmal acht Meter hoch. Schon zwei Mal wurden Teile davon abgebrochen», sagt Markus Aepli. Von der Staumauer führte die Druckleitung, welche man noch sieht, zum Haus Steig 42. Das Wasser aus dem Staubecken floss durch eine Druckleitung in eine Turbine, welche einen Generator antrieb. Der Generator erzeugte den Strom für die Drehbänke.

Beim Ausfluss aus der Drechslerei wurde das Wasser gleich wieder gefasst und in eine Flaschnerei respektive Spenglerei geleitet. Unterhalb der Flaschnerei trieb das gleiche Wasser über Transmissionsriemen noch die Maschinen einer Sägerei. Von der Drechslerei über die Spengler bis zur Sägerei sind es ungefähr 100 Meter, wobei die Anlage ein Gefälle von 38 Metern ausnutzte.
 

Jeden Morgen den Schieber geöffnet

Da der Bach zu wenig Wasser führte, habe morgens ein Arbeiter den Schieber der Druckleitung geöffnet, und der Bach sei trocken gefallen. Das Wasser sei durch die Druckleitung geflossen und habe die Maschinen angetrieben, bis das ganze Reservoir geleert war. Abends habe man den Schieber wieder geschlossen, und über Nacht habe sich der Stausee wieder gefüllt. Wenn das Staubecken voll war, strömte das Wasser dank eines Überlaufs ins Bachbett. Die Drechslerei und die Sägerei hätten nur gleichzeitig betrieben werden können, sagt Markus Aepli.
 

Ein Wasserrad soll sich wieder drehen

Er möchte an seinem Haus wieder ein funktionales Wasserrad aufstellen, nachdem ein erstes derartiges Projekt vor drei Jahren gescheitert war. Auf alten Fotos sehe man an seinem Haus ein solches Rad. «Die drei Häuser stehen wegen der Wasserkraft am Hagtobelbach. Sie gehören zum historischen Erbe von Wattwil», betont er.

Die Besitzer der Drechslerei und der Sägerei hätten vor etlichen Jahren das Wasserrecht zurückgegeben. Gemäss der kan­tonalen Verwaltung sei das Wasserrecht untergegangen, sagt Markus Aepli.


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