Eine Arbeit gegen das Vergessen

WIL/BAZENHEID ⋅ Die angehende Maturandin Cheryl Schriber befasste sich in ihrer Abschlussarbeit mit der Geschichte der Verdingkinder. Lange blieb dieses dunkle Kapitel der Geschichte der Schweiz ein Tabuthema.
23. Mai 2017, 05:18
Gianni Amstutz

Der Titel der Maturaarbeit von Cheryl Schriber ist eine traurige Wahrheit in der Geschichte der Verdingkinder der Schweiz. «Zumindest bis zum Anfang dieses Jahrhunderts war das so», präzisiert die angehende Maturandin. Dass es in der Schweiz Verdingkinder gegeben habe, sei lange Zeit ein Tabuthema gewesen. «Auch die Betroffenen sprachen nicht darüber, da sie Angst vor einer erneuten Ausgrenzung durch die Gesellschaft hatten», erklärt sie. Sie selbst sei vor vier Jahren durch den Film «Der Verdingbub» erstmals auf das Thema aufmerksam geworden. «Ich habe mich dann gefragt, weshalb man nie etwas darüber gehört hat, weder zu Hause noch in der Schule.» Schon damals habe sie den Entschluss gefasst, das Thema in ihrer Maturaarbeit zu behandeln. «Ich war schockiert, dass so etwas in der Schweiz möglich war», sagt Cheryl Schriber. Deshalb habe sie versucht, mit ihrer Maturaarbeit einen Teil zur historischen Aufarbeitung beizutragen. «Denn so etwas darf in der Schweiz nie mehr passieren», fügt sie hinzu.

Geld kann das Leid nicht ungeschehen machen

In ihrer Arbeit behandelte Cheryl Schriber sowohl die Geschichte der Verdingkinder wie auch die Wiedergutmachungs-Initiative, welche eine finanzielle Entschädigung für das erlittene Leid für die verdingten Kinder und weitere Opfer behördlicher Zwangsmassnahmen forderte. Der Gegenvorschlag zur Initiative befindet sich in der Umsetzung. Seit Anfang des Jahres können Opfer ihre Dossiers einreichen. «Durch eine finanzielle Entschädigung kann das erlittene Leid zwar nicht ungeschehen gemacht werden. Aber es ist ein wichtiges Zeichen, dass die Schweiz offiziell die ­Geschichte der Verdingung anerkennt», sagt Cheryl Schriber. Darum gehe es den meisten Verdingkindern in erster Linie und nicht um den finanziellen Aspekt.

Die Verdingkinder seien in der Schweiz vor allem Anfang des 20. Jahrhunderts vornehmlich auf Bauernbetrieben als billige Arbeitskräfte eingesetzt worden. «Sie wurden meistens ihren Eltern von den Behörden weggenommen.» Als Grund dafür habe schon ein Verdacht gereicht, dass das Kind zu Hause nicht die nötige Aufmerksamkeit bekomme. Das sei beispielsweise dann der Fall gewesen, wenn nur ein Elternteil für die Erziehung der Kinder verantwortlich war. Nach dem damaligen Rollenverständnis von Mann und Frau sei so keine kindgerechte Erziehung mehr möglich gewesen. «Was für ein Irrsinn, wenn man daran denkt, was mit den Kindern dann unter der behördlichen Aufsicht passiert ist», sagt Cheryl Schriber kopfschüttelnd.

Die Verdingkinder hätten teilweise in menschenunwürdigen Verhältnissen gelebt und seien körperlich und seelisch misshandelt worden. «Sie mussten am Morgen bereits um 4 Uhr mit der Arbeit beginnen und bis spätabends arbeiten. Manche durften die Schule besuchen, aber andere mussten den ganzen Tag durcharbeiten.» Doch auch jene Kinder, welche in die Schule gehen durften, hätten es nicht leicht gehabt, erzählt die Maturandin. «Sie wurden von ihren Mitschülern ausgegrenzt. Weil sie keine Zeit für die Hausaufgaben hatten und durch die harte körperliche Arbeit oft müde waren, drohten ihnen in der Schule zusätzliche Schläge von den Lehrern.» Als Quellen für ihre Maturaarbeit verwendete Cheryl Schriber hauptsächlich Literatur. In einem Interview mit Lotty Wohlwend, der Autorin des Buches «Gestohlene Seelen», konnte sie weitere Informationen über das Leben der Verdingkinder erhalten. Mit Betroffenen habe sie allerdings nicht gesprochen. «Ich wollte keine alten Wunden aufreissen», erklärt sie.

Gianni Amstutz

gianni.amstutz@wilerzeitung.ch


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