Der Zusammenhang von Hunger und Migration

DIETFURT ⋅ Zur Hauptversammlung lud die Toggenburger Vereinigung für Heimatkunde den ehemaligen Deza-Chef Walter Fust ein. Der Vortrag sollte zu einem Heimspiel werden.
13. November 2017, 05:18
Sascha Erni

Am 11. November war der Saal des Gasthauses Rössli in Dietfurt voll besetzt. Die über 60 Gäste kamen nicht etwa wegen einer einfachen Vereinssitzung. «Es ist der Vortrag, der zieht», lachte Ernst Grob, Obmann der Toggenburger Vereinigung für Heimatkunde. Grob konnte als Gastredner Walter Fust gewinnen. Der ehemalige Chef der Direktion für Entwicklung und Zusammenarbeit Deza, Mandatsträger der UNO und gebürtiger Toggenburger aus Mosnang sollte vor der Hauptversammlung über den Zusammenhang von Hunger und Migration referieren. «Vielleicht ist das ein ungewöhnliches Thema für einen Heimatverein», eröffnete Fust seinen Vortrag. «Aber ein dringliches.»
 

Hunger verstärkt die Migration

Fust schlug den Bogen aus der Geschichte in die Gegenwart. Mit zunehmender Demokratisierung der Länder seien Hungersnöte zwar zurückgegangen. Der Hunger selbst bliebe aber ein Problem. Bereits heute sei ein Viertel der Weltbevölkerung davon betroffen, Tendenz steigend. Verantwortlich für die Entwicklung machte Fust neben dem Bevölkerungswachstum auch den Klimawandel: Zum Beispiel sei die letzten Jahrzehnte Saatgut vorwiegend fürs Überstehen von Dürreperioden gezüchtet worden, das hätte es aber nicht robuster gegen Hitze gemacht. Kombiniert mit einer unzureichenden Vorratshaltung und langen Wegen zu den Märkten ergäbe sich eine explosive Mischung, von der Spekulanten profitieren würden – und in einem nächsten Schritt die Schlepper. Denn vielen Dörfern bliebe nichts anderes übrig, als bei fehlenden Perspektiven Leute in die Industrieländer zu entsenden. «Das würden Sie hier im Saal auch nicht anders machen», betonte Fust. Hunger sei heute nur selten ein direkter Migrationsfaktor, aber er verstärke die Situation. «Dieser Migrationsdruck lässt sich nicht aufhalten.» Um damit besser umgehen zu können, schlug Fust Prävention vor – Hungerrisiken müssten abgebaut, Ernährungssicherheit sichergestellt werden.

Einigung zu Flüchtlingsdefinitionen schwierig

Fusts Vortrag war gewitzt und animiert, er unterstrich das Gesagte mit vielen Gesten und ausschweifenden Armbewegungen. Seine einfache und trotzdem exakte Sprache kam gut an. Man merkte: hier spricht jemand, der es mit Menschen in allen Lebenslagen zu tun hat. Die Informationsdichte war enorm, aber die Zusammenhänge blieben immer leicht nachvollziehbar. Fusts Hintergrund bei der UNO zeigte sich nicht nur mit seinen launigen Anekdoten aus Genf. Besonders deutlich wurde es bei der konsequenten Unterscheidung zwischen «echten Flüchtlingen» und «Migranten». Es handelte sich hierbei nicht um eine ideologische oder politische Einwanderungsskepsis, Fust hielt sich bei der Wortwahl schlicht an die Flüchtlingskonvention. Und Fluchtgründe sind da eng gefasst; Klima, Armut und Hunger gehören nicht dazu. Er erklärte, dass diese Ergänzungen der UNO-Charta seit 1951 praktisch sakrosankt seien – kaum jemand wolle sie an heutige Begebenheiten anpassen, da fraglich sei, dass sich alle 193 Mitgliedsstaaten einig würden. «Vielleicht liegen die Skeptiker mit dieser Einschätzung heute nicht einmal so daneben», ergänzte Fust mit Blick auf die Weltpolitik.

Zur Begrüssung hatte Ernst Grob gesagt, dass Fust ein Einheimischer sei, der die Toggenburger verstehe, und den die Toggenburger verstehen würden. Damit sollte er recht behalten. Der Applaus für den gelungenen Vortrag dauerte lange an im Saal des Rössli, die Diskussionen im Anschluss ebenso.


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