Pferdefleisch und Schneckensalat

ÜBERLEBENSKAMPF ⋅ Aus Hunger essen die Verzweifelten während der Hungersnot von 1816 und 1817 Tiere, die in Normaljahren eigentlich nicht auf dem Speiseplan stehen. Die Erfindung des Laufrades steht übrigens im Zusammenhang mit dem «Jahr ohne Sommer».
01. Juni 2017, 06:53
Christelle Wick

Pferde, Hunde und Katzen sowie Schnecken seien viele Leckerbissen gewesen, scheibt der St. Galler Pfarrer Ruprecht Zollikofer in seinem 1818 erschienenem Buch «Der Osten meines Vaterlandes oder die Kantone St. Gallen und Appenzell im Hungerjahre 1817». Auch vor Blut, Gedärmen, weichen Hautteilen und sogar moderndem Aas schreckten die Hungrigen nicht zurück.

Die Geburtsstunde des «Stahlesels»

Bereits im Herbst 1816 wird massenhaft das Vieh geschlachtet. Denn das Heu konnte im «Jahr ohne Sommer» nicht trocknen. Weil Habermus nun als Festspeise gilt, fehlt es für die Pferde. Auch sie werden geschlachtet und verspiesen. Als Transportmittel fehlt nun das Pferd. Fast zeitgleich erfinden deshalb im Jahr 1817 der Deutsche Karl Drais und ein Engländer ein hölzernes Laufrad. Mit der «Draisine» oder dem «Dandy horse» können sich Personen in ebenem Gelände mit bis zu 15 km pro Stunde fortbewegen. Das neuartige Fortbewegungsmittel setzt sich aber erst durch, als es 1862 mit Tretkurbeln bestückt und später mit einem gefederten Sattel ausgerüstet wird.

Schnecken gewürzt als Salat

Wegen des Dauerregens vermehren sich die Schnecken prächtig. Die eiweissreichen Kriechtiere sind bisher nur als Delikatesse für den Export nach Norditalien bekannt: In den Maisfeldern und Rebhängen um Werdenberg und Sargans werden Weinbergschnecken als landwirtschaftliches Nebengewerbe gesammelt. Am 23. Juni 1817 propagiert der Württembergische Pfarrer in der Zeitschrift «Bürger- und Bauernfreund» Schnecken als Nahrungsmittel und beschreibt ihre Zubereitung: «Man lässt sie so lange, wie Eyer, die man hart gesotten geniessen will, im Wasser kochen, dann zieht man sie aus den Gehäusen, reinigt sie von dem hintern ungeniessbaren Theil, und wäscht sie sechs bis acht mal in lauem Wasser; dabey ist nöthig, dass sie jedesmal, (...) mit den Händen stark gerieben werden, damit sich der Schleim immer mehr absondere. (...) Man kann sie nun in Stückchen zerschneiden, und mit Salz, Pfeffer, Essig und Tischöl als Salat geniessen...»

Dass sogar auf fernen Alpen Menschen Schnecken suchten und sie «gekocht, zerhackt mit Ingwer und Pfeffer gewürzt als köstliche Leckerbissen sparsam dann verzehrten», beschreibt der St. Galler Pfarrer Ruprecht Zol­likofer. Ein edler Privater habe dafür extra eine namhafte ­Summe Gewürze an die Armen ­ausgeteilt. Gott sei dank, so schmeckten sie wenigstens.


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