Textilien kann man nicht essen

LICHTENSTEIG ⋅ Ab 1800 überflutet billiges Maschinengarn aus England die kontinentalen Märkte. Die Toggenburger Handspinnerinnen werden erwerbslos, was sich in der Hungersnot 1816/17 fatal auswirkt.
17. August 2017, 05:18
Christelle Wick

Christelle Wick

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Das Toggenburg ist bereits im 18. Jahrhundert Teil einer globalisierten Welt: Die importierte Baumwolle wird ab 1730 im Toggenburg versponnen und verwoben. Der Fergger als Bindeglied zwischen Handel und Handwerker bringt den Rohstoff zum Produzenten und holt die Baumwolltücher für den Export nach Frankreich ab. In guten Jahren lockt ein mehrfach höherer Verdienst als in der Landwirtschaft.

Die industrielle Entwicklung schreitet voran: 1764 wird in England die mechanische Spinnmaschine erfunden. Ab 1800 überflutet billigstes Maschinengarn die kontinentalen Märkte. Zwar verzögert Napoleons protektionistische Kontinentalsperre die Entwicklung und ermöglicht die Gründung einheimischer Spinnfabriken. Mit Napoleons Sturz und der Aufhebung der Sperre fallen die Preise kurz vor Ausbruch der Hungersnot 1816/17 ins Bodenlose: Wer weder Arbeit noch Land hat, hungert sich oft zu Tode.

Franzosentücher als Exportschlager

Auch für Fergger und Fabrikanten herrschen schwierige Zeiten: Seit den kriegerischen Wirren der Helvetik und die Abwertung der Assignaten – in der Französischen Revolution eingeführtes Papiergeld – stockt die Nachfrage nach Baumwollwaren. Auch mittelfristig erholt sich der Markt nicht, denn Napoleon führt jahrelang Krieg in halb Europa. Glücklicherweise finden Toggenburger Fabrikanten mit der Französischen Revolution von 1789 ein Nischenprodukt. Aus Hemberg und Kappel werden Nationaltücher in den Trikolore-Farben Blau-Weiss-Rot ins revolutionäre Frankreich geliefert. Streifen- und Karostoffe dieser Farbkombination zeigt auch das älteste Toggenburger Musterbuch von 1814. Es gehörte Jacob Looser, dem Vater des späteren Trempel-Fabrikanten Josua Looser. Den Stoffmustern zufolge ging es ihm besser als anderen Fabrikanten. Viele in der Landwirtschaft Beschäftigte satteln ab 1730 von der Nahrungsmittelproduktion auf die Baumvollverarbeitung um. Während der Hungersnot geisseln Kritiker deshalb die Heimindustrie als zweiten Sündenfall. Die Textilarbeiter seien leichtsinnig, verschwenderisch und Genussmitteln wie Kaffee und Alkohol verfallen. Sie fordern eine Rückbesinnung auf alte Werte und verkennen dabei die Industrialisierung als Motor für gesellschaftlichen Wandel und Wohlstand. Bereits vor 200 Jahren war der Bekleidungsmarkt globalisiert und von Modeströmungen getrieben. Rohstoffe wie Baumwolle und Seide wurden um den halben Globus transportiert, verarbeitet und wieder verschifft. Die Mechanisierung beschleunigte nicht nur die Prozesse, sie führte auch zu einer Verlagerung der Produktionsstandorte. Die Zentren der Produktion mögen sich in den letzten zweihundert Jahren verschoben und die Herstellungsprozesse verändert haben. Die Mechanismen von Fast Fashion und die Verletzlichkeit der Hand- und Heimarbeiter blieben jedoch ähnlich.

Am Donnerstag, 31. August, findet um 18.30 Uhr im Rathaus ein Vortrag des Historikers Daniel Krämer und des Textilkaufmanns Peter Schulthess mit dem Titel «Textilindustrie zur Zeit der Hungersnot in der Ostschweiz und heute in Ostasien» statt.


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