Tagblatt Online, 22. Oktober 2009 01:03:36
Zimbeln und Djembe im Altersheim
Die Kantischülerin Veronika Henschel hat als Maturaarbeit während zehn Wochen mit Bewohnerinnen und Bewohnern eines Alters- und Pflegeheims musiziert. Mit dem Projekt hat sie am Jugendprojekt-Wettbewerb teilgenommen und sich für das morgige Finale in St. Gallen qualifiziert.
Olivia Hug
Wattwil. Die Musik kennt keine Altersgrenzen. Diese Überzeugung will Veronika Henschel aus Krummenau in ihrer Maturaarbeit vermitteln. «Music without age limit – Grenzenlose Musik» lautet der Titel des Projekts, das sie für den Wettbewerb eingereicht hatte. Am kantonalen Jugendprojekt-Wettbewerb können Jugendliche zwischen 14 und 25 Jahren teilnehmen. Zugelassen sind Einzelpersonen, Gruppen und Schulklassen. Wichtigste Bedingung ist, dass Jugendliche an sämtlichen Arbeitsschritten beteiligt waren.
Dieses Jahr stammen fünf der zwölf Final-Projekte von Toggenburgern.
Keine Vorkenntnisse nötig
Mit ihrer Maturaarbeit will die 17-Jährige darlegen, dass es nie zu spät ist, etwas Neues zu lernen. Dafür liess sie sich auf eine musikalische Zusammenarbeit mit Bewohnerinnen und Bewohnern eines Alters- und Pflegeheims ein.
Sie gründete eine Musikgruppe mit sieben Mitgliedern, lehrte sie den Umgang mit Instrumenten und förderte ihr Gefühl für Rhythmus und Koordination. Dabei verbesserte die Kantischülerin ihre Unterrichtstechnik und vertiefte ihr Verständnis für die ältere Generation. Die unterschiedlichen Gefühlslagen und Befindlichkeiten der Musizierenden verlangten von der 17-Jährigen viel Flexibilität. Das Engagement der Musikgruppe und deren erzielte Fortschritte unterstrichen die These der Schülerin.
«Das Leben geht auch im Altersheim weiter», sagt sie, überzeugt, dass man in jedem Alter ohne Vorkenntnisse etwas Neues beginnen könne.
Für Veronika Henschel war sofort klar, dass sie für ihre Arbeit mit Menschen zusammenwirken will. Mit vielen hat sie sich schon beschäftigt: Mit Kindern und Jugendlichen, Behinderten und Asylbewerbern. In ihrer Freizeit agiert sie als Trainerin für Voltigieren und beteiligt sich an der «Hungerfranken»-Gruppe der Kanti Wattwil. «Und ich bin halt auch noch im Chor und gebe Nachhilfe», erwähnt die Schülerin fast beiläufig.
Die Musik beschreibt sie als etwas, was sie schon seit ihrer Kindheit umgibt. Sie beherrscht das Musizieren mit Klavier und verschiedenen Flöten, nebenbei hat sie sich das Gitarrespielen selbst beigebracht. Daher ist es nicht verwunderlich, dass sie das Schwerpunktfach Musik belegt.
Über ihre Zukunft ist sich Veronika Henschel schon ziemlich im Klaren. Ein Germanistikstudium soll es sein, mit dem Ziel Lehrerin zu werden. Musik unterrichten möchte sie allerdings nicht.
Die Musik solle nicht zum Alltag werden, erklärt sie, «denn sie ist etwas sehr Persönliches».
Demotivierende Momente
Erwartungen an das Projekt hatte die Schülerin zuvor keine. Einzig die Sorge, dass nicht genügend Menschen mitmachen wollten, wurde ihr bei der ersten Erkundigung in einem Wattwiler Altersheim bestätigt. Dort wollte sich niemand für die Musikgruppe begeistern. Die Heimleitung des daraufhin angefragten Wohnheims hingegen war sofort von der Idee angetan. Kurz darauf konnten acht Seniorinnen und Senioren für den musikalischen Unterricht gefunden werden. Während zehn Wochen im Sommer besuchte Veronika Henschel darauf einmal wöchentlich die Heimbewohnerinnen und -bewohner. Den Einstieg gestaltete sie möglichst einfach, indem sie der Gruppe simple Instrumente, wie die Trommel und die Triangel näher brachte. Laufend band sie Gesang und Koordination ins Programm ein. Obwohl sie sich auf den Unterricht vorbereitete, war häufig ihre Spontanität gefragt. Einmal, erinnert sie sich, hätte eine allgemein deprimierte Stimmung geherrscht. «Ich finde das doof», hätte ein Bewohner mitten in der Übung festgestellt. Eine andere Seniorin hätte vermehrt nach dem Sinn des Projekts gefragt. «Solche Momente demotivieren schon», erzählt Veronika Henschel. Im grossen und ganzen habe ihr das Projekt aber viel Spass gemacht. Die Seniorinnen und Senioren hätten sie trotz ihres Alters ernst genommen. «Denn es ist schon ein komisches Gefühl, wenn man als halbes Kind den Älteren etwas beibringen will. »
Musikalische Präsentation
Dass Veronika Henschels Projekt im Finale ist, überrascht die Schülerin. Eher zufällig kam ihr die Idee sich anzumelden, als sie in der Kanti während des Wartens auf den Zug auf ein Plakat der Jugendprojekte stiess. Sollte sie zu den Gewinnenden gehören, möchte sie sich mit dem Geld den Abdruck der Maturaarbeit finanzieren. Heimleiter und Bewohner haben schon ihr Interesse daran bekundet. «Vielleicht brauche ich das Geld auch für ein Zwischenjahr», sinniert die 17-Jährige, die gerne ihr Englisch im Ausland verbessern würde. Vorerst gilt es aber, die Matura zu bestehen. Die Präsentationen finden im Januar statt, bis dahin möchte Veronika Henschel noch einmal Kontakt mit den Bewohnerinnen und Bewohnern des Heims aufnehmen. Geplant ist, dass die Musikgruppe für eine Darbietung zur Präsentation der Arbeit erscheint.
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