«Wir können als Architekten nicht mehr dahinterstehen»

WATTWIL ⋅ Das Projekt für die «Überbauung Bahnhofsüd» in Wattwil hat sich im Lauf der Bearbeitung stark vom Siegerprojekt des Architekturwettbewerbs entfernt.
12. September 2017, 05:18
Martin Knoepfel

Das Projekt «Überbauung Bahnhofsüd» in Wattwil wird nicht mehr von den Architekten betreut, die 2012 den Architekturwettbewerb mit dem Projekt «Corso» als Nachrücker gewonnen haben. Es handelt sich um Ana Sofia Gonçalves und Stephan Hausheer. Ana Sofia Gonçalves erklärt, weshalb das Duo aus der Weiterbearbeitung des Projekts ausgestiegen ist.

Ist ein Wechsel des Architekten nach einem Architekturwettbewerb überhaupt möglich? Gewonnen haben ja Sie den Wettbewerb, nicht Itten-Brechbühl.

Ein Architekturwettbewerb ist grundsätzlich vorgeschrieben, wenn die Finanzierung aus öffentlicher Hand folgt. Bei privatwirtschaftlicher Finanzierung kann der Bauherr den Architekten ohne Wettbewerb wechseln.

Wie weit muss ein Projekt verändert werden, damit kein Konflikt mit dem Urheberrecht besteht? Ihr Projekt ist ja urheberrechtlich geschützt.

Wir haben mit der Bauherrschaft eine Vereinbarung getroffen, in der wir unser Nutzungsrecht abtreten. Die Urheberrechte können nicht abgetreten werden und bleiben bei uns.

Weshalb haben Sie und Stephan Hausheer die Überarbeitung des Projekts «Überbauung Bahnhofsüd» in Wattwil abgegeben?

Während der vergangenen vier Jahre haben wir unser Wettbewerbsprojekt in Zusammenarbeit mit der Bauherrschaft weiterentwickelt. Seit der neuen Zusammenstellung der Bauherrschaft und Bauherrenvertretung wurde uns immer mehr entwurfliche Kompetenz entzogen, wodurch das Projekt massiv an Qualität verloren hat, und wir als Architekten nicht mehr dahinterstehen können.

Weshalb haben Sie die Mitarbeit an der «Überbauung Bahnhof Wattwil-Süd» nicht sofort eingestellt statt erst nach zwei Jahren?

Wir hatten ein sehr gutes Einvernehmen mit den Vertretern der Südostbahn und mit dem Gemeindepräsidenten von Wattwil. Deshalb versuchten wir, mit dem grundlegend geänderten Projekt zu arbeiten. Nach Abschluss des Vorprojekts haben wir der Bauherrschaft unseren Ausstieg aus dem Projekt, gegen eine Entschädigung, vorgeschlagen.

Wie lautete die Reaktion der Bauherren?

Sie haben das Angebot sofort angenommen.

Wie viel haben Sie erhalten?

Das wollen wir hier nicht nennen.

Sind Sie an der Realisierung der «Überbauung Bahn- hof Wattwilsüd» noch beteiligt?

Nein, wir haben uns komplett aus dem Projekt zurückgezogen.

Können Sie sich noch mit dem nun aufgelegten Projekt identifizieren, das sich ja gestalterisch deutlich von Ihrem ursprünglichen Projekt unterscheidet?

Wir kennen das nun zur Baueingabe eingereichte Projekt nicht. Aber bereits bei Abgabe des Vorprojekts hatte das heutige Projekt viele Punkte, die wir für die städtebauliche Entwicklung Wattwils und als zentraler Punkt im Toggenburg ausdrücklich nicht empfehlen.

Wie meinen Sie das?

Die Lage des Projekts erfordert städtebauliche und gestalterische Qualitäten und Investitionen, die über die Vorstellungen der Bauherrschaft von finanzieller Rentabilität hinausgehen. Nur dann könnte der Gebäudekomplex der grossen Bedeutung für die Öffentlichkeit und für die Identität des Ortes Wattwil gerecht werden. Dieser Umstand war ja schliesslich der Anlass für den Wettbewerb vor vier Jahren, in dem unser Projekt von einer kompetenten Jury zum Sieger erkoren wurde.

Wie muss man die Aussage verstehen, das Projekt habe massiv an Qualität verloren?

Das Projekt wurde städtebaulich grundsätzlich verändert. In den zwei Nachjurierungen, die wegen der starken Änderungen einberufen wurden, wurde der Bauherrschaft immer wieder nahegelegt, dass die gewollte Verdichtung nur mit sehr guter Architektur für den Ort tragbar sein wird. Das heisst: Die Materialien, die Details und vor allem auch die Fassade sollen nicht nur den Wohnungen nützen, sondern müssen an dem Ort auch repräsentativ sein können. Das ist unsere Kernkompetenz, die wir aber nicht leisten können ohne das nötige Vertrauen. Konkret bedeutet das, dass es nun Wohnungen mit Laubengängen zur Bahnhofstrasse geben soll. Auf der Dachterrasse, die als Garten mit Pergola zur Bahnhofstrasse gedacht war, liegen nun die Waschküchen, die nur nach Süden Fenster haben. Statt eines öffentlichen Durchgangs, der als kürzeste Verbindung von Personenunterführung und Perron gedacht war, soll nun eingezäunter Veloabstellplatz sein. In der gesamten Fassade wurden Fenster gestrichen. Jeder Wohnung werden nur die Fenster zugesichert, die dringend nötig sind. Die Brüstungen wurden raufgesetzt und die Stürze runtergezogen.

Ist eine Verdichtung an diesem Standort nicht sinnvoll?

Eine Verdichtung macht dieser Stelle zweifellos Sinn, aber eben nicht ohne die entsprechende Qualität.

Das Interview wurde schriftlich geführt.

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