Zwinglis Brief an die «lieben Landlüt»

ANNO 1524 ⋅ Die Reformation im Toggenburg beginnt mit der Forderung des Landrats nach der Predigt des «neuen Glaubens». Reformator Zwingli stärkt ihm demonstrativ den Rücken. Der Fürstabt und die Pest leisten aber Widerstand.
12. Oktober 2017, 05:19
Daniel Klingenberg

Daniel Klingenberg

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Ab 1524 wächst die Anhängerschaft der Reformation im Toggenburg. Die Frage nach dem «neuen» oder «alten» Glauben entzweit dabei nicht nur das Thurtal, sondern auch ganze Familien. Ein Beispiel dafür ist das Lichtensteiger Geschlecht Miles. Mauritz Miles ist ab 1520 Pfarrer in Wattwil und gehört mit Johann Dörig in Hemberg zu den ersten Toggenburger Geistlichen, welche die Reformation predigen. Einer seiner Brüder macht zur gleichen Zeit Karriere als Mönch im Kloster St. Gallen, bevor er 1529 ebenfalls reformiert wird. Die Familie Miles als Ganzes hat aber eine katholische Tradition, da Miles Grossvater bis 1503 der erste Landvogt des Fürstabtes im Toggenburg ist.

Zwei Ereignisse beschleunigen die reformatorische Bewegung im Juli 1524. Einerseits nimmt der Landrat Partei für die Handvoll Pfarrer, die «das reine Wort Gottes» predigen. Anderseits sendet der Wildhauser Ulrich Zwingli, seit 1519 Pfarrer in Zürich, einen Brief ins Toggenburg. Er ist auf den 18. Juli 1524 datiert. Zwingli schreibt ihn mit dem Selbstbewusstsein eines Mannes, der in Zürich gerade die Reformation aufgegleist hat.

Aus der Finsternis zum Licht

Der Brief geht sowohl an die «wysen Herren» des Landrats wie an die «lieben Landlüt» im Thurtal. Zwingli bezeichnet sich darin als Toggenburger «Landmann» und würde am liebsten selber die dortige Reformation anführen. Er habe nämlich «im Sinne gehabt», selber «in meinem Vaterland das Evangelium Christi zu lehren», sei aber durch sein Engagement in Zürich verhindert. Zwingli lobt Gott, dass dieser die Toggenburger aus der «Finsternis der falschen Menschenlehren» des Katholizismus zum «wunderbaren Licht» seines Wortes geführt habe. In der längeren Abhandlung kritisiert er die sittlichen Zustände und die «Messpfaffen», und führt für seine Position Bibelstellen an.

Pest und Täufer

Gegen die reformatorische Bewegung gibt es auch Widerstände. Neben dem Fürstabt und den Schirmorten Glarus und Schwyz geschieht dies auch durch die Pest. 1525 verstehen Teile der Bevölkerung das Ausbrechen der Krankheit als Gottesurteil gegen die Sache der Reformation. Zudem ist die reformatorische Bewegung in sich selber uneins. Der Zwingli-Position stehen die «Wiedertäufer» gegenüber. Diese treiben die Freiheit der Bibelauslegung teils auf die Spitze. Ihr Name ist aus der Praxis der Taufe von Erwachsenen abgeleitet. Von der Stadt St. Gallen ausgehend, hat die Bewegung auch im Appenzellerland und Toggenburg Zulauf. Ein Chronist schreibt: «Zu Hunderten kamen sie oft des Nachts auf freien Feldern, in Wäldern und an Flüssen zusammen, wo sie sich taufen lassen.»

Zwingli geht in Zürich massiv gegen die Täufer vor. Auch im Toggenburg schreitet er ein und schreibt am 30. Juni 1525 erneut an den Landrat. In dem Text «Von dem Predigtamte» warnt er seine Landsleute vor den «Wiedertäufern», die ohne kirchliche Legitimation «aus eigenem Beweggrund anheben zu predigen». Dies führe zu Verwirrung und Aufruhr. Die Behörden verfolgen die Täufer rücksichtslos mit Festnahmen, Landesverweisen und Hinrichtungen. Sie bleiben trotzdem in der Gegend, wie Rechtsurteile noch aus den 1540er-Jahren zeigen.

Im Dezember 1526 erreichen Fürstabt und Schirmorte zudem, dass drei führende Köpfe der Reformation des Landes verwiesen werden. Es sind dies der «leidenschaftlich» predigende Pfarrer Dörig in Hemberg, Pfarrer Forrer in Stein sowie der namentlich nicht bekannte Pfarrer von Wildhaus. Blasius Forrer kommt aber wieder in die Gegend, wie sein dramatisches Schicksal zeigt. Im Sommer 1529 wird er in Krummenau «mit dem Schwert vom Pferd gehauen» und stirbt einige Tage später an den Verletzungen. Forrers Mörder wird verfolgt und im Frühling 1531 hingerichtet.

Trotzdem festigt der Landrat bis Ende 1527 seine reformatorische Position, durch die er letztlich die Herrschaft des Fürstabtes abschütteln will. Die Reform der Kirche ist ihm Mittel für das Ziel einer politischen Neuordnung. Diese Haltung wird von den Toggenburgern mitgetragen. «Die einmal geweckte Hoffnung auf grössere politische Freiheiten» bewirkt, dass man sich bei bisher üblichen Abgaben von Steuern offen der Obrigkeit widersetzt.

Dieser Text ist der zweite Teil der Reihe Reformation im Toggenburg. Teil 1 finden Sie hier

 


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