«Man muss die Möglichkeiten sehen»

Der Mosnanger Gemeindepräsident Bernhard Graf ist als Leiter der Fachgruppe Raumplanung bei Toggenburg.ch an der Erarbeitung des Raumkonzepts Toggenburg beteiligt. Er gibt Auskunft über die Arbeiten und erläutert, welchen Nutzen dieses Konzept haben soll.
22. März 2012, 01:09

Herr Graf, Sie waren bei allen drei bisherigen Workshops dabei. Wie gestaltet sich diese Arbeit?

Bernhard Graf: Von den Fachleuten, welche die Erarbeitung professionell begleiten, erhalten wir Fragen und Thesen, um sie in Gruppen oder auch im Plenum zu diskutieren. Die Ergebnisse der Gespräche bringen wir ein und versuchen einen Konsens zu finden. Das ist nicht immer möglich, muss es aber auch nicht. Wesentlich ist, dass jeder seine Sicht und sein Fachwissen einbringt, gleichzeitig aber auch den anderen zuhört. Das funktioniert in diesem Gremium ausgezeichnet.

Diskutieren ist gut, aber sie sollten ja auch zu konkreten Resultaten gelangen.

Bernhard Graf: Die Fachleute fassen nach jedem Workshop alles zusammen und stellen diese Zusammenfassungen allen Beteiligten zu. Wir haben dann die Aufgabe das Ganze bis zum nächsten Workshop nochmals zu überdenken, um allenfalls weitere Anträge zu stellen – immer mit dem Ziel, dass man die wichtigen Aussagen dann festlegt.

Können Sie bereits ein konkretes Beispiel einer solchen Aussage nennen?

Bernhard Graf: Man muss wissen, dass ein Raumkonzept immer eine Innen- und eine Aussensicht beinhaltet. Das heisst, im Raumkonzept sind Dinge festgeschrieben, die für uns Toggenburger sonnenklar sind, für Aussenstehende jedoch nicht. Ein gutes Beispiel ist daher das Thema Streusiedlung, die im Toggenburg typisch ist und die Folgen für die räumliche Entwicklung hat. In unserem Raumkonzept wird stehen, dass die Streusiedlung zur Identität des Toggenburgs gehört, dass wir bestehende Bauten und Anlagen gut pflegen und nutzen wollen und dass wir die Streusiedlung als Siedlungsraum weiterentwickeln wollen. So stellen wir etwas für uns Selbstverständliches gegen aussen dar und legen gegen innen fest, wie wir damit umgehen wollen.

Das Raumkonzept soll ja auch die Auswirkungen von Entscheiden in einem Handlungsfeld auf die anderen Handlungsfelder aufzeigen. Um bei genannten Beispiel zu bleiben: Inwiefern wirkt sich die Aussage zur Streusiedlung auf andere Bereiche aus?

Bernhard Graf: Bauvorhaben in der Streusiedlung, das heisst, ausserhalb der Bauzone, unterliegen natürlich nach wie vor den besonderen gesetzlichen Einschränkungen. Wichtig an der Aussage ist jedoch, dass wir die Streusiedlung weiterentwickeln wollen. Das bedeutet, dass die Häuser nicht nur als Ferienhäuser, sondern auch als Wohnbauten für die ganzjährige Nutzung dienen sollen. Das hat unter anderem aber zur Folge, dass dort auch Familien mit Kindern leben können, die man mit dem Schulbus zur Schule fahren muss. Pflege und Weiterentwicklung der Streusiedlung bedeuten eben auch, eine relativ aufwendige Infrastruktur bereitzustellen und zu unterhalten.

Was ist denn wiederum der Wert dieses Aufwandes?

Bernhard Graf: Häuser werden gepflegt, wenn sie genutzt, wenn sie zeitgemäss bewohnt werden können, denn dann haben sie einen Wert. Das Toggenburg ist auch eine Tourismusdestination und der Gast sucht eine intakte und schöne Landschaft. Insofern hat der Entscheid positive Auswirkungen auch auf das Feld Tourismus. Zudem ist es ein Plus auf dem Wohnungsmarkt: Nicht jede Region kann eine Streusiedlung anbieten. Die Möglichkeit in einer schönen Landschaft ohne direkte Nachbarn leben zu können, ist gesucht.

Gewisse Synergien werden an diesem Beispiel ersichtlich. Das ist eine Aufgabe bei der Erarbeitung des Konzepts. Gleichzeitig kann es aber Zielkonflikte geben, die bei der Erarbeitung ebenfalls festgestellt werden sollen. Können Sie dazu ein Beispiel nennen?

Bernhard Graf: Ein klassischer Konflikt ist derjenige zwischen der landwirtschaftlichen und der touristischen Nutzung. Das heisst: auf den ersten Blick ist es ein Konflikt. Auf den zweiten Blick entdeckt man aber auch mögliche Synergien. Die landschaftsverträgliche Nutzung durch die Landwirtschaft hilft dem Tourismus, denn der Gast sucht eine intakte Landschaft. Andererseits kann der Tourismus den Landwirten etwas bringen, so etwa über den Agrotourismus oder über das Beleben der Wirtschaft im Sinne einer steigenden Nachfrage nach Lebensmitteln, nach Spezialitäten. Wenn man bereit ist, aufeinander zuzugehen, kann man oft in dem, was auf den ersten Blick als Konflikt erscheint, Synergien erkennen. Genau das ist auch der Wert eines Konzeptes: Dass man solche Synergien erkennt und auch dokumentiert.

Aber das gelingt nicht immer.

Bernhard Graf: Richtig. Ein weiterer bekannter Konflikt ist derjenige zwischen der touristischen Nutzung und dem Landschaftsschutz. Zum Beispiel: Wir wollen eine Bergbahn bauen, befinden uns aber in einer geschützten Landschaft. Der Tourist möchte beides. Er möchte gute Anlagen und er möchte zugleich eine intakte Landschaft. Dann besteht die Kunst darin, Dinge zusammen zu bringen, die vordergründig nicht zusammen passen. Beim genannten Beispiel müsste man eine Anlage eben anders, nämlich umwelt- und landschaftsverträglicher bauen. Die Kunst ist, aufeinander zuzugehen und sich zu treffen, Wenn das nicht geht, dann muss man jedoch Prioritäten setzen.

Für die Erarbeitung des Raumkonzeptes gibt Toggenburg.ch rund 110 000 Franken aus. Das ist nicht wenig Geld. Was versprechen Sie sich vom Raumkonzept?

Bernhard Graf: Es wird einen Nutzen gegen innen haben. Der ist zum Teil bereits ersichtlich. In der Erarbeitung des Raumkonzeptes diskutieren Fachleute des Kantons und der Region und Vertreter der Gemeinden über die wichtigen Entwicklungsbereiche. Das allein hat schon seinen Wert. Ein weiterer Wert wird die Verlässlichkeit in der Raumplanung sein. Das Raumkonzept macht Aussagen über die Entwicklung in den vier behandelten Bereichen im Tal. Die Gemeinden können sich danach richten. Vor allem werden sich aber auch übergeordnete Stellen von Kanton und Bund an unserem Raumkonzept orientieren. Sie werden die Aussage zur Streusiedlung zur Kenntnis nehmen und sich bewusst sein, dass diese Teil unserer Kultur ist. Sie werden uns damit aber auch behaften. Letztlich zwingt uns das Raumkonzept auch, den Blick in die Zukunft der Entwicklungen und der Raumplanung zu werfen.

Gibt es Kritik am Raumkonzept?

Bernhard Graf: Kritik ist zu erwarten, wenn es fertig erarbeitet ist und den Gemeinden zur Stellungnahme unterbreitet wird. Oft wird bei Konzepten befürchtet, dass es eben beim Konzept bleibt, dass es ein Papiertiger wird und letztlich in einer Schublade verschwindet. Das ist eine oft geäusserte Kritik. Wir von Toggenburg.ch haben uns aber zum ambitiösen Ziel gesetzt, das Projekt in einem Jahr durchzuziehen. Das Raumkonzept soll im Herbst 2012 vorliegen. Nicht alle Gruppierungen, nicht alle Gemeinden werden jede Aussage im Raumkonzept unterschreiben können. Das liegt in der Natur der Sache.

Warum sind Sie so sicher, dass es Kritik geben wird?

Bernhard Graf: Das Raumkonzept wird eben auch einschränkende Aussagen machen.

Inwiefern?

Bernhard Graf: Als Beispiel: Das Raumkonzept wird auch Aussagen zur Industrieansiedlung machen. Im Toggenburg eignet sich dafür Land in der Talebene, konkret zwischen Ebnat-Kappel und Bütschwil. Das hat zur Folge, dass man nicht neue Industriegebiete in anderen Gemeinden ausscheiden soll, sondern dass sich dort die gewachsene Wirtschaft, meistens kleine und mittlere Unternehmen, vor allem im Bau- und Baunebengewerbe weiterentwickeln soll.

Werden die Gemeinden dadurch nicht stark in ihrer Entwicklung eingeschränkt?

Bernhard Graf: Eine Gemeinde kann sich nur dort entwickeln, wo sie die dazu nötigen Grundlagen hat. Auch als ganze Region können wir uns nur dort entwickeln, wo wir stark sind. Ein Vergleich aus der Natur: Eine Pflanze, die nicht hierher gehört, hier nicht ihre optimalen Lebensgrundlagen findet, die kann man pflegen so viel man will, sie gedeiht nicht. Am besten wachsen immer jene Pflanzen, die von selbst kommen. Und diese soll man pflegen. Im oberen Toggenburg wird man etwas anders pflegen als im unteren, im Neckertal wird etwas anderes zum Blühen kommen, als im Zentrum von Wattwil. Die Kunst ist es, natürliche Einschränkungen als Realität zu akzeptieren und sich nicht auf die Einschränkungen zu konzentrieren, sondern auf die Entwicklungsmöglichkeiten.

Interview: Barbara Anderegg


Leserkommentare

Anzeige: