Weiterbauen mit Agar-Agar

OBERHELFENSCHWIL ⋅ Nach einem Jahr Kunstpause geht es bei Kunsthallen Toggenburg und ihrem Kunstnomaden «arthur» weiter. Passenderweise heisst die elfte Ausstellung «Weiter» und entsteht gemeinsam mit Arthur Junior.
11. September 2017, 05:17
Michael Hug

Michael Hug

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Zehn Ausstellungen hat der Verein Kunsthallen Toggenburg im vergangenen Jahrzehnt gezeigt. Nach der Dekade hielt das sich selbst als «arthur» bezeichnende Organisationskomitee erst mal inne. «Wie weiter?», hiess die Frage. «Weiter!», heisst nun die lapidare Antwort. Und zwar mit der Jugend. Die elfte Ausstellung läuft darum nicht unter dem Label «arthur#11», sondern bezeichnenderweise als «arthur/arthurjunior#2017». Basisdemokratisch und (selbst-)gerecht hat das Fusions-OK je vier Kunstschaffende und Kunstkollektive gesucht und aufgeboten, um «Weiter» zu bespielen. Am Samstag im Dauerregen fand auf der Ruine Rüdberg bei Oberhel­fensch­wil die Vernissage statt.

Einen symbolträchtigen Ort ausgesucht

Symbolträchtiger hätte der Ort nicht ausgesucht werden können. Auf einer Burgruine, wo jegliches «Weiter» seit dem Mittelalter abgehakt ist, ging es entgegen dem Zwang des Zerfalls nun eben doch weiter. Am eindrücklichsten zeigte dies das Collectif Chuglu aus Südfrankreich. Drei junge Künstler bauten seit einigen Tagen die Burg wieder auf – mit «Steinen» aus Agar-Agar. «Water Walling» nennen sie ihre Rekonstruktion des Ehemaligen: «Wassermauerbauen». «Wir wollen zeigen, wie wichtig das Wasser für die Menschen in dieser Burg einst war. Sie hatten nah am Wasser, diesem Fluss, gebaut, und trotzdem mussten sie jeden Kessel Wasser mit viel Arbeit auf die Burg bringen», sagte eine Künstlerin aus Marseille. Die «Bausteine», die sie aus gekochtem Thurwasser und Agar Agar (Algen-Agar-Agar) gelierten, fügten sie während der Vernissage zu einer neuen Mauer. Das Wasser zogen sie wie einst in einem Eimer mit einer Winde vom 50 Meter tiefer liegenden Thurgrund herauf.

Aufsehen erregte auch die Performance des Tanztheaters von Gisa Frank. Mit Kleidern aus der damaligen Zeit brachte die Gruppe Leben auf die Burg zurück. Frank: «Es soll das Kommen und Gehen symbolisieren. Das Ankommen der Menschen hier auf der Burg, das Zusammenleben und das Weitergehen.» Und eben auch das Sterben, denn manche gingen nicht weiter und blieben für immer hier. In seiner völlig spektakellosen Arbeit «The line which ­appears, if you unfold a piece of paper» (die Linie, die erscheint, wenn du ein Stück Papier entfaltest) nahm der Lichtensteiner Damiano Curschellas die Struktur der Ausstellung als Grundlage für seine drei gefalteten Papierarbeiten. Curschellas deponierte seine Papierstücke in einer Mauerspalte – sie musste erst gefunden werden. Matthias Rüegg aus Zürich frappierte das Publikum auf dem Weg zur Burgruine mit der Standschrift: «You’re completely wrong!» (Sie sind komplett falsch!) Gilt das nun für den eingeschlagenen Weg oder für die Meinung, die man über das Kunstwerk hat?

Gehender Zeichner

Intensiv mit der Umgebung des Ausstellungsorts hat sich Christian Eberhard auseinandergesetzt. Der Zürcher wanderte in sieben Tagen aus seiner Heimatstadt ins Toggenburg und zeichnete Bilder von der Landschaft, die er durchging: «Immer wenn ich etwas als typisch von hier empfand, setzte ich mich hin und zeichnete.» Vier Büchlein sind dabei entstanden. Die Gruppe Lino Bally, Flurina Brügger und Iris Brodbeck, der Kontrabassist Marc Jenny sowie Robin Michel waren die weiteren Kunstschaffenden, die sich intensiv mit dem Thema auseinandersetzten.

Die Ausstellung «Weiter» ist als Wanderausstellung konzipiert. Nach der samstäglichen Vernissage auf der Ruine Rüdberg wandert das Thema nun weiter ins obere Toggenburg. Jeweils an den beiden kommenden Samstagnachmittagen wird sie erst auf dem Bahnhofplatz in Wattwil und dann auf dem Dorfplatz in Unterwasser zu sehen sein. Ob dabei dieselben Werke, Neu- oder Weiterentwicklungen gezeigt werden, weiss auch das OK nicht: «Den Kunstschaffenden sind alle Freiheiten, die das Thema Weiter beinhaltet, gegeben. Weiter nimmt ja auch Bezug auf die Mobilität. Diese verlangt sie nun auch vom Publikum.»


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