Tagblatt Online, 05. Januar 2009 01:04:11
Iglu bauen auf 2230 Meter über Meer – eine Herausforderung und ein Erlebnis
Unter dem Titel «Yeti Village» bauten rund 80 Personen ein Igludorf auf dem Chäserrugg und (über)lebten während vier Tagen in der winterlichen Natur. (Bild: Bilder: Conny Oberholzer)
Trotz Fusion vieler Gemeinden, zählte das Toggenburg vom 29. Dezember bis am 1. Januar ein Dorf mehr. Während vier Tagen bauten rund 80 Personen unter der Anleitung des Basler «Iglubauer»-Teams auf dem Chäserrugg zum zweiten Mal das Igludörfchen «Yeti Village». 2007 war ich bei dem Event nur zu Besuch, um darüber zu berichten. Dieses Jahr war das winterliche Kuppeldorf für zwei Tage und eine Nacht mein zu Hause.
Umfangreiches Equipment
Ziemlich viel Material für nur eine Übernachtung im Freien, schoss es mir durch den Kopf, als ich die Ausrüstungsliste mit 53 Positionen durchging. Angefangen von der Zahnbürste über warme Kleidung bis zum minusgradtauglichen Schlafsack brachte der Rucksack mehr als 16 Kilo auf die Waage. Ich war froh, dass mein Expeditionspartner Thomas Riedmann, Erlebnispädagoge aus Wattwil, sich als Outdoorkoch zur Verfügung stellte und das Kochequipment samt Verpflegung mitbrachte. In voller Wintermontur und mit sperrigen Rucksäcken standen wir 45 Minuten bei den Bergbahnen an, um dann auf dem Gipfel mit strahlendem Sonnenschein und einer atemberaubenden Aussicht über die verschneite Bergwelt belohnt zu werden.
Kein leichtes Unterfangen
Die untergehende Sonne tauchte die Landschaft in warmes, oranges Licht. Sechs Stunden gemeinschaftliches Bauen an den Behausungen für diese Nacht lagen hinter mir und allen anderen, die das Abenteuer «Überleben in freier Natur» in Angriff nahmen. Unter Anleitung der ausgebildeten, erfahrenen J+S-Winterexperten vom «Iglubauer»-Team, schnitten wir mit Alusägen Block für Block aus dem kompakten Schnee und transportierten sie zum Bauplatz. Kein leichtes Unterfangen, denn die Blöcke wogen zwischen fünf und fünfzehn Kilo und mussten für den spiralförmigen Aufbau des Iglus exakt angepasst werden. Beim Eindunkeln waren einige Iglus und auch die Kochnischen, die in den Blockabbaugängen eingerichtet werden sollten, noch nicht fertig. Viele Igluneulinge – ich inklusive – unterschätzten das Vorhaben. Für den Iglubau benötigt ein Team aus drei bis vier Personen ca. sechs Stunden, vorausgesetzt alles läuft glatt. Mangelnde Erfahrung und ungenaue Bauweise liessen jedoch die halbfertigen Werke häufig einstürzen.
Teamwork kontra Naturgewalt
Zur physischen Belastung und dem aufsteigenden Hungergefühl gesellte sich der mentale Druck «Wenn's mit Bauen nicht klappt, wo schlafe ich heute nacht?». Erfreulicher Wermutstropfen, durch die körperliche Betätigung blieben selbst Hände und Füsse einigermassen warm und der eisige Wind, der unablässig über den Bergrücken pfiff, konnte einem wenig anhaben. Im Licht der Stirnlampen wurde bis spät in die Nacht gebaut. Die Natur zeigte uns schonungslos unsere Grenzen auf. Inmitten der gigantischen Bergkulisse wurde mir klar, wie verloren ich ohne die umfangreiche Ausrüstung und die Unterstützung der anderen wäre. Durchhaltewille und Teamwork waren angesagt. Ob mit heissem Kaffee aus der Thermoskanne, oder tatkräftiger Unterstützung beim Bau: Jeder half jedem. Obwohl sich nur wenige der 80 Teilnehmer aus der Schweiz und Deutschland zuvor kannten, wurden wir innerhalb weniger Stunden eine eingeschworene Gemeinschaft und schafften es, dass neun Uhr abends auch die Letzten ihre Schlafhöhle beziehen konnten.
Kuschlige null Grad
Die Abbaustollen für die Iglublöcke dienten als Verbindungsgänge zwischen den Behausungen. Windgeschützt konnte hier am Abend zusammengesessen und auf den Benzinkochern warme Mahlzeiten zubereitet werden. Überall duftete es verführerisch aus den Gängen. Glühwein, Cervelats vom Einweggrill unserer Iglunachbarn, die Gesellschaft mit tollen Menschen und der nächtliche Sternenhimmel bescherten mir das unvergesslichste Nachtessen meines Lebens. Die Kälte, die durch Kleidung und Schuhe kroch, ignorierte ich berauscht von dieser Erfahrung grosszügig. Zugegeben, vor der Nacht bei –7 Grad graute mir. Welch positive Überraschung, als mich im Igluinnern kuschlige null Grad erwarteten. Nicht die frostigen Temperaturen raubten mir den Schlaf, sondern der steinhart gefrorene Untergrund, der meinem Hinterteil schmerzhaft zusetzte.
Lust und Frust der Zivilisation
Sonnenstrahlen die durch die Ritzen des Iglus fielen und meine volle Blase weckten mich am Morgen. Die Innenseite der Biwakhülle war gefroren, ebenso die Schuhbändel meiner Winterstiefel. (Was das Anziehen, um schnellstmöglich das stille Örtchen zu erreichen, ziemlich erschwerte.) Über dem «Yeti Village» lag eine urtümliche Stille, als ich mich noch ziemlich verschlafen auf den Weg Richtung Bergrestaurant machte. Ein WC in erreichbarer Nähe zu haben, ist wahrer Luxus. Zivilisation sei Dank. Dann der Kulturschock: Oben auf dem Gipfel empfing mich emsiges Treiben des Wintertourismus. Erst jetzt wurde mir bewusst, dass mein Alltag meilenweit weg gewesen war. Keine Termine, keine Verpflichtungen. Ich hatte im «Yeti Village» nur für den Moment gelebt, jede Faser meines Körpers gespürt und Schönheit und Härte der Natur genossen. Keine Frage, trotz schmerzendem Hinterteil und Sonnenbrand im Gesicht, eine unvergessliche Erfahrung. «Yeti Village», ich komme wieder.
Conny Oberholzer
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